Zur Mittlerschaft Mariens

Bild: Raffael, Sixtinische Madonna, gemeinfrei

In der Frage der Teilhabe der Gottesmutter an der universalen Mittlerschaft Christi hat der Diskurs unter den Mariologen zu einem beachtlichen Fortschritt geführt.[1] Schon Paul VI. sah im 8. Kapitel von Lumen Gentium den „Gipfel“ und die „Krönung“ der Dogmatischen Konstitution über die Kirche.[2] Sein geistiges Zentrum findet dieses Culmen in der Lehre von der Mitwirkung Mariens bei der Erlösung, die sich zur Teilhabe an der Mittlerschaft Christi gestaltet.[3] Manfred Hauke hat verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht, wie sehr die neuere Diskussion angeregt worden ist durch die Initiativen des belgischen Kardinals Mercier, mit denen er auf die Dogmatisierung der universalen Gnadenmittlerschaft Mariens abzielte.[4] Die von Mercier favorisierte Bewegung zugunsten eines neuen marianischen Dogmas gelangte in der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Vatikanum, als Hunderte von Bischöfen um eine solche Definition baten, zu ihrem Höhepunkt. […]

Die Enzyklika Redemptoris Mater Johannes Pauls II. (1977) rückte das Thema der Mittlerschaft Mariens wieder in das Zentrum der Mariologie. Die „mütterliche Mittlerschaft“ vollzieht sich nach der Aussage der Enzyklika „in“ Christus.
Der Gebrauch des Terminus „Mittlerin“ setzt eine Rückversicherung über die analoge Sprechweise voraus: Es gibt verschiedene Weisen der Teilhabe. Bei der Mittlerschaft Mariens geht es um ihre Mitwirkung am Erlösungswerk selbst (objektive Erlösung) und um ihre himmlische Fürsprache, durch welche sie auf einzelne Menschen Gnaden herabzieht (subjektive Erlösung) und ankommen lässt. Die mit den Eingaben Merciers anhebende Diskussion hat zum Ergebnis geführt, dass die Mittlerschaft Mariens bereits durch ihre Mitwirkung an der Erlösung beginnt.[5]

Eine Position, die das Mitwirken Mariens auf ein „Empfangen“ der Heilsfrüchte (Heinrich Köster) reduziert, muss als überholt gelten, weil das Konzil selbst von einer freiwillentlichen Aktivität der Gottesmutter spricht. Maria wurde „nicht bloß passiv benutzt“, sondern hat „in freiem Glauben und Gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt“.[6] Die Inkarnation, die durch das Jawort Mariens mit zustande kam, diente nicht nur der Vorbereitung des Erlösungswerkes, sondern gehört selbst mit dazu. Durch ihr Jawort bei der Menschwerdung und ihren consensus unter dem Kreuz, der eine compassio war, wird der besondere Charakter ihrer Mittlerschaft hervorgehoben: „Indem sie Christus empfing, gebar und nährte, im Tempel dem Vater darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Werkes der Seelen.“[7]

Das Konzil hat zwar keine theologischen Kontroversen entscheiden wollen[8], aber seine Aussagen zur Mitwirkung Mariens an der Erlösung selbst sind hochrangig und wenigstens in diesem Punkt klar. Sie werden nicht ernsthaft in Frage gestellt, sondern gehören zum Konsenz (sententia communis).[9] Über die bloße Textbasis hinaus ist hier entscheidend die Rezeption der Aussagen von Lumen Gentium, die vom Hauptredaktor Philips, aber auch von Balic, der der zweite Redaktor des Marienkapitels war, sowie von Roschini als eindeutiger Beleg für eine wirkliche Mitwirkung Mariens am objektiven Erlösungswerk gewertet werden.[10]

Eine weitere Entwicklung der Lehre haben wir, wie Hauke betont, in den Katechesen Johannes Pauls II., deren relevanteste jene vom 9. April 1997 ist, die den Titel trägt: „Maria – einzigartige Mitarbeiterin an der Erlösung“. Zu Kalvaria / Passion / Kreuzesopfer heißt es hier: „Die Mitwirkung Mariens […] hat sich während des Geschehens selbst ereignet in ihrer Eigenschaft als Mutter; sie erstreckt sich folglich auf die Ganzheit des Heilswerkes Christi. Nur sie wurde auf diese Weise dem Erlösungsopfer beigesellt, welches das Heil aller Menschen verdient.“[11] Durch ihre enge Verbindung mit Christus hat Maria auch teil an den drei Ämtern Christi, der für uns Menschen Prophet ist und Priester und König oder Hirte.

Unter den Maria zugeschriebenen Titeln ist jener der „neuen Eva“ besonders geeignet, die umfassende Mittlerschaft Mariens zum Ausdruck zu bringen, weist er doch hin auf die Frau, die als mütterliche Gefährtin dem neuen Adam beim Erlösungswerk zur Seite gestellt wurde.[12]
Aus ihrem Handeln als Mutter und Gefährtin des Erlösers ergibt sich die geistliche Mutterschaft Mariens, in der ihre physische Mutterschaft im Hinblick auf den Sohn Gottes ihre organische Fortsetzung findet. Johannes Paul II. verschränkt die mittlerische Tätigkeit Mariens mit ihrer Mutterschaft, die das Wirken Mariens für die geistliche Geburt der Kinder Gottes hervorhebt, und spricht von der „mütterlichen Mittlerschaft Mariens in Christus“.

15. August 2026
Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel

Prof. Dr. habil. Michael Stickelbroeck

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[1] Vgl. Manfred Hauke, Maria als mütterliche Mittlerin in Christus. Ein systematischer Durchblick, in: Sedes Sapientiae. Mariologisches Jahrbuch 12 (2008) Bd. 2, 12–41, hier: 13, Anm. 1; vgl. ders., Die mütterliche Vermittlung, in: A. Ziegenaus (Hg.), Totus Tuus. Maria in Leben und Lehre Johannes Pauls II. (Mariologische Studien, 18), Regensburg 2004, 125–175.
[2] Paul VI., Ansprache Post duos menses zum Abschluss der dritten Konzilsperiode, 21.11.1964: AAS 56 (1964) 1007–1018, hier: 1014.
[3] Vgl. Hauke, Maria als mütterliche Mittlerin, 16. Die Mittlerschaft Mariens in der Lehre des II. Vatikanums behandelt ders., Mütterliche Vermittlung, 127–130.
[4] Vgl. Hauke, Maria – die „Mittlerin aller Gnaden“. Die universale Gnadenmittlerschaft Mariens im theologischen und seelsorglichen Schaffen von Kardinal Mercier (1851–1926) (Mariologische Studien, 17), Regensburg 2004.
[5] Vgl. Hauke, Maria als mütterliche Mittlerin, 17, Anm. 11; vgl. ders., Maria – die „Mittlerin aller Gnaden“, 156–177.
[6] Vgl. Lumen Gentium, 56.
[7] Lumen Gentium, 61.
[8] Vgl. Lumen Gentium, 54.
[9] Die Diskussion um den Titel der „Miterlöserin“ sollte formal vom Thema der Mitwirkung abgehoben werden. Sie stellt ein eigenes Thema dar. Es fehlt dabei oftmals die explicatio terminorum.
[10] Zum status quaestionis vgl. M. Hauke, Maria, „Gefährtin des Erlösers“ (Lumen gentium 61). Die Mitwirkung Mariens bei der Erlösung als Forschungsthema, in: Sedes Sapientiae 6 (2002) 85–121.
[11] Johannes Paul II., Marianische Katechese 48, 29.4.1997.
[12] Vgl. Hauke, Maria als mütterliche Mittlerin, 25.