
Für den renommierten Kölner Theologen Matthias Joseph Scheeben ist die Trinität der göttlichen Personen „der Ausgangs- und Zielpunkt einer ganzen Ordnung von Wahrheiten, die nur in Bezug auf sie verstanden und dargestellt werden können“. Sie ist ein „wahres Mysterium, dessen Bedeutung gerade darin liegt, daß es die Quelle und der Mittelpunkt anderer Mysterien ist, in denen es sich offenbart“.[1] Das innere Leben Gottes ist nicht nur absoluter Selbstbesitz, der sich in Erkenntnis und liebendem Wollen selbst genügt. Vielmehr ist es ein Leben, das über den Selbstbesitz einer Person hinaus geht und Frucht bringt, da ja das göttliche Wort und die Person des Heiligen Geistes vom Vater ausgehen. In diesem göttlichen Leben, das in sich ganz vollkommen ist, gibt es reale Hervorgänge, denn der Vater zeugt aus der vollkommenen Selbsterkenntnis den Sohn als göttliches Wort, dem er alles, was er selbst besitzt, mitteilt.
Und aus der wechselseitigen Liebe des Vaters und des Sohnes geht der Heilige Geist als Frucht der gegenseitigen Selbsthingabe hervor. Wie die göttliche Erkenntnis, so ist auch seine Liebe, überschwänglich und grenzenlos, reiner Akt.
„Bei Gott geht der Akt der Liebe nicht aus dem ‚Habitus‘ oder der Potenz hervor, ist also auch kein wirkliches Produkt. Gott ist seine Liebe in der reinsten und vollsten Aktualität; aber eben deshalb, lehrt uns der Glaube, weil die Liebe in Gott kein erst hervorgerufener Akt, weil sie ein ewiger Urakt und eben dadurch zugleich ein überreicher Akt ist, ist sie nicht minder fruchtbar als die göttliche Erkenntnis; deshalb bringt Gott durch sie einen unermeßlichen Hauch, eine Aspiration der Liebe hervor und ein unendliches Liebespfand.“[2]
An anderer Stelle schreibt Scheeben:
„Und da erscheint es keineswegs […] unmöglich, dieses Wohlgefallen als solches auf ähnliche Weise fruchtbar zu denken wie die Anschauung der göttlichen Vollkommenheit – ohne dasselbe spezifisch als Wohlgefallen an der Güte einer andern Person und als Zuneigung zu dieser zu fassen –, nämlich als fruchtbar in einem unendlichen Jubel, der sich zugleich als Lobpreis des geliebten Gutes und Frohlocken über den Besitz desselben darstellt, und in einer Ausatmung (exhalatio), die wie ein aus ihrer Glut aufsteigender kostbarer Weihrauchduft das geliebte Gut umgibt und verherrlicht und dem Liebenden die ganze Süßigkeit seines Besitzes bekundet.“[3]
Die innertrinitarischen Hervorgänge haben nichts gemein mit dem Prozess der Selbstvervollkommnung oder der Entwicklung von einer anfänglichen Unbewusstheit zu einer stufenweise Selbsterkenntnis. Vielmehr kann die göttliche Person aus ihrer eigenen höchsten Aktualität und Fülle ihre eigenen Vollkommenheiten und damit auch ihr eigenes Wesen einem anderen mitteilen oder sich rückwendend in Empfang nehmen.
Aufgrund des Heilsratschlusses findet die nach „außen“ gerichtete Kommunikation der innergöttlichen Selbstmitteilung statt. In der Gnadenordnung wird das, was in Gott mitgeteilt wird, zu einem nicht-göttlichen Seienden hin kommuniziert. „Gnade“ bedeutet die Kontinuation der trinitarischen Mitteilung zur Schöpfung hin.
Der Mittler des nach außen hin sich fortsetzenden göttlichen Lebens ist der Heilige Geist, den Vater und Sohn einander in der Hauchung schenken und als Person hervorgehen lassen. Wenn Gott sich dem Menschen erschließt, so kann dies nicht ohne die Vermittlung des Heiligen Geistes erfolgen. Im Heiligen Geist setzt sich Gott potenziert als Mitteilungsmysterium. Er ist die Steigerung der Selbstmitteilung, in der das göttliche Leben als solches wesentlich nach außen seiner selbst, in der Ökonomie, hervortritt, und somit die Kommunikationsmächtigkeit Gottes in Person – derjenige, der den Abgrund zum Geschöpf hin überbrückt.
Der Vater hat den Sohn zugleich mit dem Sohn in die sichtbare Welt gesandt, und der Sohn gibt uns, nachdem er sein „consummatum est“ gesprochen hat, den Geist unbegrenzt. Selbstmitteilung Gottes zum Menschen hin ist Sendung. Die Sendungen der göttlichen Personen sind eine „Verlängerung“ der innertrinitarischen Mitteilung in den geschaffenen Bereich. Durch sie kann der Mensch in die trinitarische Gemeinschaft des göttlichen Lebens hinein gehoben werden.
In der Menschwerdung geschieht dies in der Weise, dass die erste göttliche Mitteilung (vom Vater zum Sohn hin diesen zeugend) in den geschöpflichen Bereich weitergeführt wird, indem eine vollständige und individuelle menschliche Natur in die Hypostase mit dem ewigen Wort und damit in die Communio von Vater und Sohn hineingenommen wird.
Der ewige Heilsratschluss Gottes setzt das innergöttliche Leben für geistige Geschöpfe nach außen (ad extra). In dieser Weise offenbaren die Sendungen (Inkarnation und Gnade) das dreifaltig-göttliche Leben und lassen es nach außen hervortreten.
Die Bedeutung der Dreieinigkeit für die geistigen Geschöpfe liegt darin, „daß die göttlichen Personen durch ihre gemeinschaftliche Wirksamkeit und Wirkungsweise ihre innern Verhältnisse und Bezüge nach außen ausdehnen und weiterführen bzw. nachbilden und reproduzieren und dadurch eine Ordnung der Dinge hervorrufen, die als eine reale Entfaltung und Offenbarung des innern Kernes jenes Mysteriums erscheint und nur in und aus demselben gründlich und vollkommen verstanden werden kann“.[4]
Die Ordnung der Gnade wurzelt in der Dreifaltigkeit. „Wenn die Trinität aber eine wahrhaft lebendige Wurzel ist, dann muß sie nicht nur jene Ordnung aus sich hervorgehen lassen und sie tragen; dann muß sie sich auch in dieselbe hineinleben, ihre Äste in sie hineinverzweigen, sie nach allen Seiten hin durchdringen […] indem sich in der Gnadenordnung eine Fortführung der ewigen Produktionen und Ausgänge und eine reale Einführung der ewigen Produkte derselben in die begnadete Kreatur darstellt.“[5]
Wenn die Trinität zur Gnadenordnung, die durch Inkarnation und Gnade konstituiert ist, in Beziehung gesetzt wird, nimmt sie – mit Scheebens Worten – die Funktion einer „Wurzel“ ein, während letztere eine „Pflanze“ darstellt, die aus dieser Wurzel hervorwächst.
Die eucharistische Communio, die zugleich eine Incorporatio in Christum, eine Communicatio spiritus und eine Communio ecclesiae ist, findet in den Hervorgängen und Sendungen der Trinität ihre Möglichkeitsbedingung. Die „neue Geburt“ auf dem Altar und in den Herzen der Gläubigen korrespondiert mit der Zeugung des Sohnes und dessen Sendung in der Inkarnation. Und die Kraft, die die Gaben – und auch den Menschen, der in den Leib Christi eingehen soll – in der Wesensverwandlung wandelt, kommt mit der Hauchung des Geistes und dessen Sendung, die die Gnade zu den Menschen leitet, überein.
7. Juni 2026
Prof. Dr. habil. Michael Stickelbroeck
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[1] M. J. Scheeben, Die Mysterien des Christentums, hrsg. von J. Höfer, Freiburg 21951, § 23, 111.
[2] M. J. Scheeben, Die Mysterien, § 10, 52.
[3] Ebd., § 54, 10. Scheeben hat diese Stelle in der zweiten Auflage hinzugefügt.
[4] Vgl. ebd., § 24, 115.
[5] Ebd., § 26, 125.
