
Es gibt zwei Gründe, warum ich die „Alte Messe“ liebe. Der erste ist mein persönlicher Lebensweg. Der zweite ist meine Zeit als Meßdiener mit dem Durch- und Miterleben des liturgischen Kirchenjahres.
Zum ersten:
Im Krieg geboren. Am Stadtrand von Berlin. Am 25.12.1942 evangelisch getauft in Hennigsdorf. Mein Vater ist dann Anfang Januar bei Posen gefallen. In der sowjetischen Besatzungszone mußten alle – Frauen und Männer – sofort arbeiten. Meine Mutter meldete sich als gelernte Kindergärtnerin und Hortnerin gleich beim evangelischen Kindergarten. Sie nahmen meine Mutter gern (sonst wäre sie zwangsverpflichtet worden bei dem neu gegründeten kommunistischen Hort!). Meine drei älteren Brüder gingen schon zur Schule. Meine jüngere Schwester und mich nahm meine Mutter mit in den Kindergarten. Da dieser neben der Kirche lag, gingen wir in selbige natürlich auch zum Beten und Singen oft hinein.
Von meinem achten bis zwölften Lebensjahr war ich bei Mennoniten in der Schweiz (die ganze Grundschulzeit). Wir fuhren sehr oft am Sonntagnachmittag nach Biel in die Versammlung – so nannten sie ihren Gottesdienst. Bis heute bewundere ich den wirklich tiefen Glauben, den ich dort erleben durfte. Aber der Gottesdienst war mir doch zu merkwürdig. So schön die Lieder waren – aber wenn man vier Jahre lang in sonntäglichem Wechsel nur Predigten über Jesaja und Jeremia hörte, dann kam mir das als Zwölfjährigem doch seltsam vor.
Während ich in der Schweiz war, floh der Rest meiner Familie nach West-Berlin. Dort hatten sich meine beiden ältesten Brüder einer freikirchlichen Gemeinschaft angeschlossen. Der Gottesdienst für uns Kinder gestaltete sich folgendermaßen: Nach Lied, Gebet und Evangelium setzten wir uns nach Alter zur Schrifterklärung in Stuhlkreise. Die Jugendliche, die in meinem Kreis saß, war aber mit ihrer Aufgabe merklich überfordert. In ihrer Aufgeregtheit wiederholte sie dauernd „Und Luther sagt …“. Da ich dieses langsam lustig fand, antwortete ich: „Das verstehe ich nicht! Luther hat doch erst um 1500 gelebt – was war denn zwischen Christus und Luther?“ Ich hatte die Frage kaum ausgesprochen, da bekam ich sofort die Reaktion auf meine Frage in Form einer leichten Backpfeife – und die Antwort: „So etwas fragt man hier nicht!“ Es war mein zweitältester Bruder, der hinter mir stand und den ich gar nicht bemerkt hatte. Worauf ich sofort wegen dieser Demütigung, einer entehrenden Ohrfeige vor allen anderen, den Raum verließ und nie wieder betrat.
Dieses Erlebnis war aber auch der Anfang meiner „Bekehrung“. Warum durfte ich diese Frage nicht stellen? War da etwas zu verbergen, was ich nicht wissen sollte? Meine Neugier war geweckt! Da mir die Reformationsgeschichte bekannt war, suchte ich also unter „katholisch“. Ich fuhr in die Amerika-Gedenkbibliothek, fand unter „katholisch“ aber nur ein paar Kleinschriften. Ich verstand wenig von dem, was ich las. Es war eine andere Welt – aber sie zog mich an. Schließlich sagte ich mir: Du mußt in einen katholischen Gottesdienst gehen!
Es war die Josefskirche am Bahnhof Wedding. Natürlich wollte ich nicht auffallen und versuchte, alles nachzumachen. Es gelang mir nicht. Schon beim Eingang „fuchtelten“ die Gläubigen mit der rechten Hand herum. Dann machten sie alle plötzlich einen Knicks und schoben sich in die Bank. Die meisten knieten sich dann hin und machten wieder so etwas an der Stirn und an der Brust. Dann Glocke, Meßdiener, „verkleideter“ Pastor, Orgel, Rauch, „komischer“ Geruch, fremder Gesang (Gregorianik). Und plötzlich mittendrin völlige Stille – alle knieten, tiefes Schweigen, zweimal ein Glöckchen, zwei erhobene Hände – fremd und doch faszinierend! Ende der Messe.
Ich „schwamm“ mit den Gläubigen hinaus. Draußen vor der Kirchentür schenkte mir Gott meine Taborstunde: Ich stand, schloß meine Augen – ein orangefarbener Punkt. Er „explodierte“ förmlich über gelb in ein gleißend helles, weißes Licht, und eine Freude überfiel mich, eine unvorstellbare Freude – ich war daheim!
Seitdem habe ich keine Angst mehr vor dem Tod. „Du gabst, o Herr, mir Sein und Leben. Nur danken kann ich, Herr, sonst nichts!“ Als ich aufwachte, stand ich allein vor der Kirchentür. Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand.
Wer das liest, kann verstehen, warum ich die „Alte Messe“ liebe – sie ist nämlich nicht alt, sondern jung und lebendig.
Zum zweiten:
Nur Herz und Verstand – gleichzeitig – lassen uns erahnen, was sich in der Mitfeier der Messe ereignet. Man muß um den Heilsplan Gottes in etwa Bescheid wissen und zunächst die wichtigsten Heilsereignisse des AT kennen. Auch den Bund, den Gott mit Abraham geschlossen hat, die drei Verheißungen und schließlich die Erfüllung des Alten Bundes durch Christus.
Leider wird viel zu wenig darauf hingewiesen, daß jeder Bund, den Gott uns Menschen anbietet, immer ein reiner Liebesbund ist zu unserem Heil. Da wir Menschen Sünder sind und Sünder bleiben, kommt niemand aus eigener Anstrengung in den Himmel. Da kommt uns Gott entgegen in seinem Sohn, der aus Liebe Mensch wird, um uns zu erretten.
Am besten in der Osternacht im Exsultet besungen: „O Schuld, glücklich bist du zu preisen, welch großen Erlöser hast du gefunden!“ Christus, ohne Schuld, nimmt alles Leiden auf sich, stirbt grausam am Kreuz. Was muß das für eine große Liebe sein!
Dann die erste „Tat“ Jesu nach seiner Auferstehung: Er haucht die Apostel an und gibt ihnen die Vollmacht der Sündenvergebung. Es folgen der Missions- und Taufauftrag.
Die letzte Handlung vor seiner Gefangennahme war aber die Einsetzung des Neuen und Ewigen Bundes – bei der alttestamentlichen Feier des Pascha beim Auszug aus Ägypten. Da es in Gott keine Vergangenheit gibt, wurde dieser Bundesschluß beim jährlichen Paschamahl neu vergegenwärtigt. Bei dieser Gelegenheit setzt Christus sich selbst als den Neuen Bund ein. Er, Christus, ist jetzt das neue Opferlamm, das mit seinem Blut unsere Sünden auslöscht. Dadurch reingewaschen von Schuld, sind wir Glieder des Neuen und Ewigen Bundes.
Christus hat uns bewußt kein einziges schriftliches Wort hinterlassen. Er selbst, das Fleisch gewordene WORT GOTTES, ist der Weg zum Vater. „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“ (Joh 6,54). Christus ist Gott. Es gibt in Gott keine Vergangenheit. So steht gleichsam die Erlösungstat Christi seinem Vater ständig vor Augen und wird in jeder Hl. Messe auf dem Altar gegenwärtig.
In der Messe dient uns Gott – daher der Name „Gottes-Dienst“ (an uns), woran auch die Fußwaschung erinnert. Wenn so die ganze Erlösungstat Christi gegenwärtig wird, also Sein Liebesbund, dann kann ich doch nur so die Eucharistie mitfeiern, wie es am besten im Weihnachtslied Zu Bethlehem geboren heißt: „In Seine Lieb versenken will ich mich ganz hinab“. Mit allen Sinnen und allen möglichen Zeichen und Körperhaltungen, mit Gesang, passender Musik, Glocken et cetera.
Das tiefste und berührendste Zeichen aber ist die Kanonstille – nur unterbrochen durch die Glocke zur Wandlung. Denn nur in der Stille findet die tiefste Begegnung in der Liebe statt. Wie heißt es in der Heiligen Schrift? „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab“ (Weish 18,14–15).
Liebe ist immer auch „Exstase“ – ex stare (außer mir stehen). So wie mich meine Erste Messe gefangengenommen hat, so tut sie es auch heute noch. Man muß in sie „hineinwachsen“ wie bei jedem Liebesbund. Gott wird Mensch, weil Er mich unbedingt im Himmel haben möchte – was muß das für eine Liebe sein!
Die „Alte Messe“ – so lange Zeit gefeiert – hat unzählige Heilige hervorgebracht. Fast alle Konvertiten kamen durch sie zur Katholischen Kirche. Sie lebt!
Die Messe ist ein kosmisches Ereignis. Christus will die ganze Welt erlösen. Gerade aus den Paulusbriefen geht das besonders hervor. Für mich ist das beste Dankgebet, das man nach der Messe beten kann, der Sonnengesang des hl. Franz von Assisi. Der erlöste Mensch ist durch Christus mit Gott, sich selbst und der ganzen Schöpfung versöhnt.
Fronleichnam 2026
Pfarrer Udo Scholz
