Vom Feuer heiliger Mystik entflammt

Bild: Rutilio Manetti, gemeinfrei

Katharina von Siena, Dienerin der Diener Gottes
Wer ist die Frau, die seit ihrem sechsten Lebensjahr von Visionen heimgesucht wird? Die in strenger Askese lebt, sich selbstlos ihren Nächsten widmet und mit Feldherren wie Päpsten in Verbindung steht, vermittelnd und mahnend als sendungsbewusste Prophetin? Auf welche Weise kann Katharina einem selbst Vorbild sein, wofür es sich lohnt auch in der heutigen Zeit durchzuhalten?

Die Visionen der hl. Katharina
Wenn man das Leben und die Visionen der hl. Katharina von Siena betrachtet, wurde kaum eine andere Heilige so sehr in das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes hineingenommen wie jene Frau. Sie wurde von Gott selbst auf vielfältigste Weise begnadet, um später ein leuchtendes Beispiel für die wahre Erneuerung der Kirche zu werden.

Als Katharina etwa sechs Jahre alt war, hatte sie um 1353/54 über der Dominikanerkirche von Siena ihre erste Vision. Katharina sah den von den Aposteln Petrus, Paulus und Johannes begleiteten, auf einem Thron sitzenden und mit Tiara und bischöflichen Gewändern bekleideten Christus, der sie zärtlich anblickte und segnete (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 29). Katharina erfuhr sich als von Gott Angenommene und Geliebte und hörte sich später immer wieder als „liebstes Kind“ angesprochen (vgl. Katharina von Siena, Dialog 150; 31). Mit dieser Vision wurde in ihr der Bezug zu Dominikus (um 1170–1221) und seinem Orden grundgelegt sowie ihr späterer Einsatz für den Papst, mit dem sich Christus in der Vision identifiziert hatte, so dass Katharina später vom Papst als „Christus auf Erden“ sprechen wird (vgl. Katharina von Siena, Brief 373). Vor allem aber wurde ihr durch den liebevollen Blick Christi das Mysterium caritatis eingeprägt, das sich dann in ihrem Leben immer tiefer entfaltete.

Nach dieser Vision zog sich Katharina, die diese erfahrene Liebe offenbar mit Gegenliebe beantworten wollte, immer mehr zurück. Sie führte mit Beten, Bußübungen und Fasten ein intensives geistliches Leben (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 31). Katharina versprach mit sieben Jahren Maria immerwährende Jungfräulichkeit (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 35–36).

Als sie in einer Vision Dominikus sah, der ihr das Ordensgewand der Mantellatinnen, des Dritten Ordens der Schwestern von der Buße des heiligen Dominikus, zeigte und ihr die Zugehörigkeit zu diesem Orden versprach, teilte Katharina ihren Entschluss zum Eintritt in diese Gemeinschaft mit, worauf sie von ihrem Vater und auf dessen Fürsprache hin auch von der übrigen Familie unterstützt wurde (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 53–56). Da die Mantellatinnen damals nur Witwen aufzunehmen pflegten, wurde Katharina erst nach mehreren Anfragen um das Jahr 1363 mit 16 Jahren aufgenommen. Sie zog sich auf ihr eigenes Zimmer zu Gebet, Fasten und Bußübungen zurück (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 57–63).

In ihrem Zimmer, das sie in den nächsten drei Jahren nur zum Gottesdienst verließ, setzte sie ihr strenges Bußleben fort und lernte durch wechselvolle Tröstungen, Anfechtungen und Versuchungen die Unterscheidung der Geister (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 43). Christus zeigte ihr, wie sehr er auch bei scheinbarer Abwesenheit in ihrer Seele einwohnt und sie den geistlichen Kampf bestehen lässt: „,Wo warst du, als mein Herz von so vielen Schändlichkeiten erfüllt war?‘ Darauf antwortete ihr der Herr: ‚Ich war in deinem Herzen. […] Wäre ich nicht bei dir gewesen, dann hätten diese Gedanken dein Herz durchdrungen, und du hättest an ihnen Gefallen gefunden. Aber weil ich in deinem Herzen zugegen war, haben sie in dir Abscheu hervorgerufen. […] Weil du also, meine Tochter, mit meiner Kraft den Kampf so getreulich bestanden hast, hast du von mir eine größere Gnade verdient. Daher werde ich mich dir von jetzt an öfter und freundschaftlicher zeigen‘“ (Raimund von Capua, Legenda maior 110–111). Christus offenbarte ihr, dass er in ihr alles sei und sie selbst nichts und dass dies das wahre Glück bedeute: „Meine Tochter, weißt du, wer du bist und wer ich bin? Es gibt kein seligeres Glück, als dies zu wissen. Du bist die, die nicht ist. Ich bin der, der ist. Bist du von diesem Wissen lebendig durchdrungen, kann dir der Böse nichts anhaben“ (Raimund von Capua, Legenda maior 92). Der Transformationsprozess Katharinas in Christus setzte sich fort, indem sie seine Aufforderung vernahm: „Meine Tochter, denk an mich! Wenn du stets an mich denkst, werde auch ich stets an dich denken […] Kümmere dich weder um das Wohl deines Leibes noch deiner Seele. Ich verstehe das besser als du. Ich will es selbst in die Hand nehmen“ (Raimund von Capua, Legenda maior 97). Die Vertraulichkeit Katharinas mit Christus, der wie ein Freund zu ihr kam, ihr lesen lernte und mit ihr Psalmen betete (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 112–113), erreichte eine unglaubliche Innigkeit und Zärtlichkeit.

Nach den Miracoli eines unbekannten Florentiners erschien ihr einmal Christus mit einer Krone aus Edelsteinen und seiner Dornenkrone in den Händen. In ihrer Liebe zu Christus ergriff sie mit beiden Händen die Dornenkrone, deren scharfe Spitzen ihre Finger blutig stachen. Deshalb wird Katharina oftmals mit einer Dornenkrone dargestellt.

Schließlich kündigte Christus ihr die mystische Vermählung an: „Ich werde mich dir im Glauben vermählen“ (Raimund von Capua, Legenda maior 114). Nach ihrem Ordenseintritt um 1363 hatte sich Katharina in ihre Zelle im Elternhaus zurückgezogen, wo sie immer mehr mit Christus geistlich verbunden wurde, bis hin zur mystischen Vermählung, die ihr am Fastnachtstag um das Jahr 1367 zuteilwurde. Christus feierte die mystische Vermählung zusammen mit seiner Mutter Maria und wurde dabei von Heiligen assistiert, nämlich von Johannes dem Evangelisten, Paulus, Dominikus und dem Propheten David mit der Harfe. Während König David wundersam auf der Harfe spielte, ergriff Maria die Hand Katharinas und streckte sie ihrem Sohn entgegen, indem sie ihn bat, sich mit ihr im Glauben zu vermählen (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 115). Christus „neigte sich huldvoll ihr zu und zog einen goldenen Ring hervor, der in seinem Rund vier Perlen trug und an dessen Fassung ein prachtvoller Diamant funkelte. Mit seiner ehrwürdigen Rechten streifte er ihn über den Ringfinger der Jungfrau, indem er sagte: ‚Siehe, ich vermähle dich mir, deinem Schöpfer und Erlöser, im Glauben. Du wirst diesen Glauben stets unversehrt bewahren, bis du im Himmel mit mir ewige Hochzeit feiern wirst. Vollbringe, meine Tochter, von jetzt an voll Zuversicht und ohne jedes Zaudern, was meine begleitende Vorsorge dir auferlegen wird. Durch die Stärke des Glaubens bist du nun gefestigt, und so wirst du alle deine Widersacher glücklich überwinden.‘ Nach diesen Worten schwand die Vision, der Ring aber blieb für immer an ihrem Finger; und wenn er auch für andere nicht sichtbar war, so hatte ihn Katharina dennoch ständig vor Augen“ (Raimund von Capua, Legenda maior 115). Die vier Perlen symbolisieren nach Raimund die vierfache Reinheit Katharinas, „die Reinheit des Wollens, des Denkens, des Redens und des Handelns“ (Raimund von Capua, Legenda maior 116). Nach ihrer mystischen Vermählung wurde Katharina mit dem Auftrag entlassen, diesen Glauben in Wort und Tat in ihrem Leben zu bezeugen. Das Erlebnis der mystischen Vermählung entflammte in Katharina die Gottes- und Nächstenliebe zur lodernden Glut. Das Seelenheil der Menschen forderte sie ganz ein. Nachdem Christus sie nach der Vermählung aufforderte, die Zelle zu verlassen, um auch anderen zu nützen und durch die Nächstenliebe noch fester an ihn gebunden zu werden (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 97), ging Katharina in die Öffentlichkeit und stellte ihr Leben in den Dienst der Mitmenschen.

Ihre geistliche Transformation in Christus erreichte im Sommer 1370 im mystischen Herzenstausch eine ungeahnte Dimension. Nachdem Katharina mit den Worten von Ps 51,12 inständig um ein erneuertes Herz gebeten hatte (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 179), um den Eigenwillen als Grund allen Übels restlos zu überwinden (vgl. Katharina von Siena, Dialog 47; Gebetssammlung der Jünger Katharinas 11) und den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen, erschien ihr Christus und entnahm ihr das Herz, so dass sie das feste Bewusstsein hatte, ohne Herz zu leben (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 179). Nach einigen Tagen, als Katharina in der Dominikanerkirche von Siena in der Kapelle der Bußschwestern betete, „umstrahlte sie plötzlich ein Licht vom Himmel. In diesem Glanz erschien ihr der Herr; er trug in seinen heiligen Händen ein menschliches, purpurn glänzendes Herz. Zitternd vor der Erscheinung des Schöpfers und des Lichtes fiel sie zu Boden. Der Herr näherte sich ihr, öffnete zum zweiten Mal ihre linke Seite und legte das Herz, das er in seinen Händen trug, hinein. Er sprach: ‚Meine vielgeliebte Tochter, wie ich dir neulich dein Herz genommen habe, so übergebe ich dir jetzt mein Herz, mit dem du fortan leben sollst.‘ Nach diesen Worten verschloss er fest die offene Wunde, die er ihrem Körper zugefügt hatte“ (Raimund von Capua, Legenda maior 180). Nachdem Christus ihre Bitte mit einem Akt der Neuschöpfung erfüllt hatte, war sich Katharina nunmehr in unüberbietbarer Weise bewusst, dass wirklich nicht mehr sie selbst, sondern Christus in ihr lebt (vgl. Gal 2,20) und in und durch sie zu lieben vermag, so dass sie sagte: „Ich bin nicht mehr die, die ich war. Ich bin in eine andere Person verwandelt“ (Raimund von Capua, Legenda maior 182). Katharina wurde durch eine Narbe an ihrer Brust ständig an dieses Geschehen erinnert (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 180). Durch den Herzenstausch wurde Katharinas ganzes Wesen mit allem Denken und Tun umgeprägt. Eine innere Glut ergriff sie, die all ihrer Kräfte erneuerte und eine glühende Liebe zu Gott und zum Nächsten entfachte. In diesem Sinn hörte sie Gott im Dialog zu ihr sprechen: „Diese Liebe ist ein von mir ausgehender Brand, der ihnen Herz und Sinn mitfortreißt und das Opfer ihrer Sehnsucht annimmt“ (Katharina von Siena, Dialog 84). Durch den Herzenstausch wurde Katharina für neue Aufgaben, Leiden und Mühen im Dienst Christi bereit, der durch sie und in ihr in ganz anderer Weise wirken und sein Erlösungswerk fortsetzen konnte. So betete sie im Dialog: „O unsägliches Feuer der Liebe, ewiger Vater, ich möchte nicht, dass meine Sehnsucht je ermatte in ihrem Durst nach deiner Ehre und dem Heil der Seelen“ (Katharina von Siena, Dialog 134). Durch den Herzenstausch wurde ihre Gottes- und Nächstenliebe noch intensiver. Sie war von übernatürlicher Freude erfüllt (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 182) und gewann einen neuen Sinn für die Wahrheiten des Glaubens. Ihr Wille stand nun ganz im Einklang mit dem göttlichen Willen. Das eigene Ich war nun endgültig überstiegen und eine neue, mit Christus verbundene Personmitte entstanden. Katharinas oftmals überlieferter Ausspruch: „Ich will (Io voglio)!“ besagt letztlich nichts anderes als diese gänzliche Übereinstimmung mit dem Willen Gottes. Weil es Gottes Wille ist, will sie es auch, und sei es die Hingabe ihres Lebens für das Heil der Menschen. Damit wurde die Gleichgestaltung mit Christus zum Ausgangspunkt ihres Engagements für Gesellschaft, Welt und Kirche, da Katharina nunmehr nicht mehr mit ihrem eigenen Herzen, sondern mit dem Herzen Jesu und seiner Gesinnung in die Welt hinausging und diese Existenzweise eine gewaltige Anziehungskraft auszuüben vermochte.

Im engen Zusammenhang mit dem Herzenstausch stand die um die gleiche Zeit sich ereignende Erfahrung des mystischen Todes. Ein rasender Liebesstrom hatte ihr das Herz aufgerissen, so dass sie fast vier Stunden tot war. Nachdem sie in dieser Zeit das Licht der Ewigkeit erblicken durfte, musste sie wieder ins Leben zurück, um noch vielen Seelen zu helfen (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 213–214). Dieses Erlebnis verstärkte ihre Verantwortung für das Heil der Menschen und machte sie noch wacher für die Nöte der Zeit und die Wunden der Kirche. So sah sich Katharina ab 1370 dazu gedrängt, zu gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Fragen Stellung zu nehmen.

Die hl. Kommunion und der Empfang der Wundmale
Der später seliggesprochene Raimund von Capua war Zeuge der großen Sehnsucht Katharinas nach dem Kommunionempfang. Er bezeugte, dass ihr schwacher Leib an einem Tag, an dem sie auf die Eucharistie verzichten musste, an heftigen Schmerzen litt. Dennoch kam es vor, dass ihr die tägliche Kommunion durch uneinsichtige Vorgesetzte und andere, die eng mit Katharina in Verbindung standen, teilweise auch verweigert wurde (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 315). Ein Grund für diese Restriktionen bestand darin, dass Katharina nach dem Kommunionempfang gewöhnlich drei oder vier Stunden lang in Ekstase geriet und sich nicht von ihrem Platz entfernen konnte, so dass man oftmals die mittägliche Schließzeit der Kirche nicht einhalten konnte, was teilweise zu Verärgerungen führte (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 318).

In der Zeit um 1374, als Raimund Lektor in Siena war und Katharina erst kennengelernt hatte, konnte Katharina aus gesundheitlichen Gründen erst gegen neun Uhr in die Dominikanerkirche von Siena kommen, wo Raimund mit der Zelebration bereits auf sie gewartet hatte. Wegen der späten Stunde und der sich bis in die Mittagszeit hineinziehenden Kommunionekstase überredeten sie die Mitschwestern, an diesem Tag auf den Empfang der Eucharistie zu verzichten. Während Katharina hinten in der Kirche betete, um auf irgendeine Weise mit dem eucharistischen Herrn vereint werden zu können, wurde Raimund gesagt, er brauche mit der Messfeier nicht auf sie zu warten, weil Katharina heute aus gesundheitlichen Gründen nicht kommunizieren könne. So begann Raimund in der Meinung, Katharina befinde sich in ihrem Haus, mit der Zelebration. Bei der Brotbrechung nahm er wahr, dass eine Partikel der Hostie von der Patene entschwunden war und suchte sie vergeblich auf dem Korporale. Als er nach der Messfeier hinten in der Kirche Katharina auf den Knien in Ekstase bemerkte, ließ er sie aufwecken. Dann konnte sie ihren Beichtvater über die Partikel aufklären und ihm berichten, Jesus selbst habe ihr jenes Hostienteilchen gereicht. Nach Raimund gab es auch andere glaubwürdige Berichte, die bezeugen können, wie die Hostie aus den Händen des Priesters wegschwebte und in Katharinas Mund flog (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 318–323). Nach Katharina kommt es bei der eucharistischen Vereinigung mit Christus auf die Sehnsucht an, wie es auch in den Worten Gottvaters im Dialog zum Ausdruck kommt: „So groß wird euer Anteil an den Gnadengaben des Sakramentes sein, als die Sehnsucht groß ist, mit der ihr euch bereit macht, es zu empfangen“ (Katharina von Siena, Dialog 110). Nach den Worten Gottvaters im Dialog gibt sich Christus in die Hände des Priesters und verleiht ihm die Vollmacht, Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut zu verwandeln. Zu einer höheren Würde könne man „auf Erden nicht gelangen. Sie sind meine Gesalbten und ich nenne sie meine ‚Christusse‘, denn ich selbst habe mich ihnen zur Ausspendung an euch übergeben und sie als duftende Blumen in den mystischen Leib der heiligen Kirche gesetzt“ (Katharina von Siena, Dialog 113). Im Dialog wurde Katharina tiefer Einsichten über die Eucharistie gewürdigt: „Öffne das Auge deines Geistes und blicke in den Abgrund meiner Liebe! Es gibt kein Geistwesen, dessen Herz nicht zerfließen müsste beim Anblick der Wohltat, die ihr neben vielen anderen in diesem Sakrament erhalten habt. […] Betrachte, liebes Kind, wie hoch die Seele erhoben wird, die dieses Lebensbrot, die Speise der Engel, gebührend empfängt. Durch den Empfang bleibt sie in mir und ich in ihr. Wie der Fisch im Meer weilt und das Meer im Fisch, so bin ich in der Seele und die Seele in mir, im Meer des Friedens. In einer solchen Seele bleibt die Gnade. […] In einer solchen Seele bleibt […] die Süße des Heiligen Geistes; es bleibt das Weisheitslicht meines eingeborenen Sohnes, der euer Geistesauge mit seiner Weisheit erleuchtet hat, […]. Die Seele bleibt stark, weil sie teilhat an meiner Stärke und Macht“ (Katharina von Siena, Dialog 111–112).

Am 1. April 1375, einem Palmsonntag, wurde Katharina in der Kirche Santa Cristina in Pisa während einer von Raimund von Capua zelebrierten Messfeier nach dem Kommunionempfang vor einem Kreuzbild des Giunta Pisano (+ um 1260) durch Lichtstrahlen stigmatisiert, wobei die Wundmale auf ihren Wunsch hin nur für sie selbst erkennbar waren (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 194–198).

Als Zeuge dieses Ereignisses berichtete Raimund, dass sie wie gewöhnlich warteten, bis Katharina nach der Kommunionekstase wieder zu sich käme, um von ihr geistliche Trostworte zu empfangen (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 194). „Plötzlich richtete sich vor unseren Augen ihr zarter Körper, der am Boden hingestreckt gelegen war, ein wenig auf und verharrte in kniender Stellung. Sie streckte ihre Arme und Hände aus, und ihr Angesicht war wie von Feuer gerötet. So verblieb sie völlig starr und mit geschlossenen Augen. Auf einmal stürzte sie vor unseren Augen zu Boden, als wäre sie tödlich verwundet worden; nach kurzer Zeit aber kehrten ihre leiblichen Sinne wieder zurück“ (Raimund von Capua, Legenda maior 194). Nach der Ekstase berichtete Katharina: „Ich habe gesehen, wie der ans Kreuz geschlagene Herr mit strahlendem Licht auf mich herabkam. Durch den unwiderstehlichen Drang meines Herzens wollte daher mein Körper seinem Schöpfer entgegeneilen und war genötigt sich aufzurichten. Da sah ich, wie aus den fünf Malen seiner heiligsten Wunden blutrote Strahlen auf mich herabkamen; sie waren auf meine Hände, Füße und das Herz meines Leibes gerichtet. Ich begriff das Mysterium und rief sogleich: ‚Herr, mein Gott, ich bitte dich, lass die Male in meinem Leib nicht äußerlich sichtbar werden!‘ Während ich noch redete und ehe jene Strahlen mich erreicht hatten, wandelten sie ihre blutrote Farbe in glänzendes Weiß und trafen in Form reinen Lichtes fünf Stellen meines Leibes, nämlich die Hände, die Füße und das Herz. […] Der Schmerz, den ich an allen fünf Stellen, besonders aber um das Herz spüre und leide, ist so groß, dass ich glaube, mein irdischer Leib könnte dies unmöglich auch nur ein paar Tage überleben, wenn nicht der Herr ein neues Wunder wirkte“ (Raimund von Capua, Legenda maior 195). Während Katharina zunächst heftige Schmerzen hatte, wurde sie später durch die Wundmale gestärkt, wie sie Raimund am Ostersonntag darauf nach dem Kommunionempfang sagte (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 198). Der Empfang der Wundmale bedeutete eine weitere Verähnlichung mit Christus, so dass sich Katharina noch mehr von ihren karitativen und politischen Aktivitäten einfordern ließ.

Katharinas Erfülltsein vom Feuer der göttlichen Liebe und ihre mystischen Gnaden trieben sie auch hinaus in das Feld des öffentlichen Lebens, was damals für eine einfache Frau außergewöhnlich war. Dabei war sie keine politische Natur, sondern die erwählte und vermählte Braut Christi, in dessen Namen sie voller Kraft und Glut auftrat. Und weil sie, wie ihre zahlreichen politischen Briefe zeigen, in der Vollmacht des Gekreuzigten auftrat, hörte man auf sie. So war die eng mit der Kirche verflochtene Politik eines ihrer Aufgabenfelder geworden. Damit wurde Katharina bis hin zur Bedrohung ihres eigenen Lebens hineingestellt in die Gunst und den Hass der Parteien, in das nervenaufreibende Kampffeld harter Auseinandersetzungen, Intrigen und Verleumdungen.

Die Sendung der hl. Katharina
Aufgrund ihrer apostolischen Sendung richtete sich Katharinas Blick auf die Kirche und die ganze Menschheit. Diese universale Sichtweise führte zu einer dramatischen Deutung der geschichtlichen Wirklichkeit der in moralischer Krankheit und sozialer Auflösung begriffenen Menschheit. Weil die der Kirche anvertraute Vermittlung des universalen Heilsangebotes Gottes im Unwirksamen verblieb, waren Unfriede und Unheil die Folge. In dieser globalen Not ging es Katharina darum, das Heil Christi durch die Kirche gegenwärtig zu setzen.

In Katharinas prophetisch-apostolischer Sendung ging es zutiefst um die Rückführung der Kirche in ihr Mysterium und ihren Auftrag, geschichtlich-politisch konkretisiert vor allem im Petrusamt als dem amtlichen Garanten der Universalität, aber auch in der Reform der übrigen Glieder der Kirche, die Katharina zur Entdeckung ihrer Teilnahme an der Mission der Kirche aufrief. In diesem Sinne war sie eine Mystikerin des mystischen Leibes, wie Papst Paul VI. Katharina bezeichnete.

Ihre prophetische Sprache war eine Metamorphose des Gotteswortes selbst. Formal und inhaltlich war diese Prophetie nichts anderes als der Selbstvollzug der Kirche als Braut und mystischer Leib Christi. Diese Weitergabe des Gotteswortes lebte und verkündete Katharina charismatisch in dem gnadenhaft ermöglichten Dialog mit Gott. Aus dem Mitvollzug des Dialogs mit Gott erwuchs Katharina dann der Dialog mit der Welt und der Kirche.

In Katharina lebte ein hohes Bewusstsein der eigenen apostolischen Sendung, da sie sich wirklich von Gott gesandt wusste, mit einer offiziellen, wenn auch geheimnisvollen Beauftragung. Ganz im Sinne eines Primates des Dienstes fühlte sie sich in gewisser Weise an die Spitze der Kirche gestellt, so dass sie manchmal in der gleichen Weise wie der Papst als Katharina, Dienerin der Diener Gottes unterschrieb.

Die geistliche Lehre von der hl. Katharina von Siena
Katharinas geistliche Lehre, die nicht von ihr erdacht, sondern von ihr mystisch empfangen wurde, wurzelte ganz im Glauben der Kirche und in der Heiligen Schrift. Ihre Lehre beleuchtete beständig die Glaubensgeheimnisse von Gott, Schöpfung und Erlösung, von denen sie sich ganz durchdringen ließ. Für Katharina ist der dreifaltige Gott zunächst die Liebe, eine „unergründliche und unendlich süße Liebe“ (Gebetssammlung der Jünger Katharinas 9), ein „unbegreifliches Feuer und Zuneigung der Liebe“ (Gebetssammlung der Jünger Katharinas 10). Katharinas Gebete kreisen immer wieder um das Geheimnis der göttlichen Dreifaltigkeit (Katharina von Siena, Dialog 167), über das sie durch Christus selbst erleuchtet wurde (vgl. Raimund von Capua, Legenda maior 199). Dieser dreifaltige Gott habe aus Liebe alle Geschöpfe als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, wie aus einem Gebet Katharinas hervorgeht: „Du hast dein Auge auf der Schönheit deines Geschöpfes ruhen lassen und dich wie verrückt und trunken von Liebe in es verliebt. Aus Liebe hast du es aus dir hervorgezogen und ihm das Sein nach deinem Bild und Gleichnis geschenkt“ (Gebetssammlung der Jünger Katharinas 13). Wie ihr Gott im Dialog mitteilt, können die aus Liebe erschaffenen Menschen ohne Liebe nicht leben: „Euer Stoff ist die Liebe, denn ich schuf euch aus Liebe und darum könnt ihr ohne Liebe nicht leben“ (Katharina von Siena, Dialog 110). Nach dem Sündenfall habe sich in der Menschwerdung und Erlösung die Liebe Gottes erneut geoffenbart. Christus erscheint als „Versöhner, Erneuerer und Erlöser“ (Gebetssammlung der Jünger Katharinas 2a), als Brücke, die durch seine Inkarnation Himmel und Erde verbindet (vgl. Katharina von Siena, Dialog 18–29), als Erlöser, dessen Blut durch die Sakramente der Kirche zu den Menschen fließt (vgl. Gebetssammlung der Jünger Katharinas 20). Das mit dem Feuer der göttlichen Liebe durchtränkte Blut Christi (vgl. Katharina von Siena, Dialog 75), das die Seele mit dem „Feuer der göttlichen Liebe“ umfängt (Katharina von Siena, Dialog 66), wurde für Katharina zum bevorzugten Zeichen und geheimnisvollen Träger der Liebe Christi, in dem sie auch ihre Briefe schrieb (vgl. Katharina von Siena, Briefe 90 und 206) und durch das sie selbst ins Strömen geriet und zum Verströmen für andere kam. Katharina war ganz „Feuer der Liebe“ (Gebetssammlung der Jünger Katharinas 12) und lebte immer intensiver aus diesem Geheimnis ihrer Berufung, so dass sie zu einer ganzheitlichen, mit Gott und den Menschen vereinten Persönlichkeit wurde, die kraftvoll und entschlossen das als Wille Gottes Erkannte mit einem nüchternen Blick für die Wirklichkeit, aber auch mit einer bis an die Grenze des Menschenmöglichen gehenden Leidenschaft in die Tat umsetzte. So vereinigten sich in Katharinas Spiritualität das reinigende Feuer, das Licht übernatürlicher Erleuchtung, aus dem ihr Charismen wie Prophetie und Herzensschau zuflossen, und die aus dem Feuer der Liebe sie ergreifende Flamme der mystischen Vereinigung.

Zusammenfassung
Zusammenfassend zeigt sich, dass das große Thema der geistlichen Lehre Katharinas im Vollzug des Liebesdialoges der Dreifaltigkeit mit dem Menschengeschlecht bestand, der sich in der Kirche vollzieht. Die Dunkelheit ihrer Zeit sollte sich in Heilsgeschichte verwandeln und die Kirche als Ort und Werkzeug des Heils ganz zur Wirkung kommen.

Das Schlüsselwort der Lehre Katharinas ist sicherlich die Liebe, die schließlich mit dem Begriff des Feuers zusammenfällt. Die Liebe macht sich aber nicht selbst zur Mitte, sondern das, was sie liebt. So geht es Katharina um eine exzentrische Dynamik der Liebe, die von Gott empfangen wird, um sie an die Menschen weiterzugeben. Diese immer im Vollzug begriffene Liebe, die anderes in die Mitte treten lässt, führte Katharina auch zu keiner Selbstbetrachtung der empfangenen mystischen Gaben und auch zu keiner Verlängerung ihrer Sendung in einer Gründung, sondern hinein in das dialogische Geschehen zwischen Gott und der Menschheit, für die Katharina stellvertretend eintrat und für die sie zum Wort Gottes an die Welt und Kirche wurde. Die im Mittelpunkt stehende Liebe ist also als eine Liebe zu verstehen, die es immer zu vermitteln gilt, und zwar im Blut Christi, das durch den Heiligen Geist in der Kirche weiterströmt. In der Spiritualität Katharinas nimmt die Liebe immer an der göttlichen Liebe Maß und drängt deshalb ins Unendliche hinein. Deshalb geht es um die Frage, wie die geschaffene Liebe des Menschen der ungeschaffenen Liebe Gottes entsprechen kann. Durch das Erlösungswerk des Sohnes und die ständige Aktuierung durch den Heiligen Geist wird die Liebe des Vaters erfahrbar und leuchtet vor allem als liebende Vorsehung und unendliches Erbarmen auf (vgl. Katharina von Siena, Dialog 132). So zeigt sich für Katharina die Unendlichkeit Gottes gerade darin, dass seine Liebe Recht behält gegen alle menschlichen Machenschaften. Darin findet Katharina den Maßstab für ihre persönliche Bereitschaft zur Mitarbeit am göttlichen Heilsplan und für die Sendung der universalen Kirche. Denn wenn Gott sich in seiner heilsgeschichtlichen Selbstentäußerung als unendliche Liebe bewahrheitet, dann besteht das Maß der geschaffenen Liebe nicht im Besitz Gottes, sondern im Mitvollzug dieser schrankenlosen Liebe und damit in der Haltung des sehnsüchtig brennenden Verlangens (desiderio) nach dem Heil und in der kirchlichen Indifferenz, die ohne Eigenwillen dem göttlichen Heilswillen folgen will.

Das Mysterium der Vermittlung ist aber nicht von Menschen selbst leistbar, sondern geht von oben aus und bewahrheitet sich im Inkarnations- und Kreuzesmysterium des Sohnes Gottes, im ewigen Blut Christi, das durch den Heiligen Geist als das göttliche Liebesfeuer weiterströmt in die Kirche, die das Blut vermittelt. In dieses Blut ist Katharina ganz und gar hineingenommen und in den eucharistisch-fruchtbar sich hingebenden Christus eingestaltet. Das Ziel der Vermittlung des Blutes und aller persönlichen Mitarbeit an diesem Heilswerk ist die Rettung des Menschen. Wo aber die Wahrheit der allumfassenden Liebe im Blut Christi offenbar ist, dort leuchtet auch die Würde des Menschen als Geschöpf eben dieser Liebe auf, für die sich Katharina leidenschaftlich einsetzte. Die Würde des gottebenbildlichen Menschen ist so groß, dass er in Gott als sein Urbild umgestaltet werden kann. Wenn der Mensch zur Selbsterkenntnis des Nichtseins und dann zur wahren Gottes- und Nächstenliebe gelangt, dann erreicht das menschliche Selbstsein seine Erfüllung, dann ist Gott „mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Katharina geht es um diesen erlösten, vergöttlichten Menschen, der als Neuschöpfung in Christus zu sich kommt, um als ein „anderer Christus“ ins dreifaltige Leben einzugehen. Darin liegt der Sinn der Heilsgeschichte, und dafür vergoss der Erlöser sein Blut, und darauf zielt die Sendung der Kirche, die das ewige Blut verwaltet. Durch die Einprägung dieser trinitarischen Existenzform vollzieht der Mensch die unendliche Liebe des dreifaltigen Gottes mit, wie sie im Kreuz des Gottessohnes gottmenschlich offenbar wurde und im blutgetränkten, universalen und ewigen Feuer des Geistes weiterbrennt, um sich auch für das Mitbrennen von Seiten des Menschen her zu öffnen. Dieser einzelne Mensch aber wird sich nur dann seiner selbst inne, wenn er gleichzeitig ein Mitmensch, die Kirche, ja die Menschheit ist. Weil Katharinas Seele bräutlich am Heilsgeheimnis der Kirche teilhat, kann sie sich auch an die „Spitze“ der Kirche stellen.

Katharinas Spiritualität legt also die Liebe aus, die an der unendlichen Ursprungsliebe des Vaters Maß nimmt, die mit der aus dem geöffneten Herzen des Gottessohnes fließenden Blutliebe ins Strömen gerät und durch den Heiligen Geist in Kirche und Welt das Feuer der Liebe entzündet. So zielt die geistliche Lehre Katharinas darauf ab, vom Geist geheiligt zu werden und in ihm mitzubrennen im Feuer der göttlichen Blutliebe zur Welt.

20. Dezember 2022

Pfarrer Dr. Stephan Sproll