Die Kirche muss eine anbetende Kirche sein

Wir befinden uns gerade in einer Zeit starker Veränderungen innerhalb der katholischen Kirche. Und so mancher Gläubige fragt sich im Blick auf die Äußerungen mancher deutscher Bischöfe, was denn wohl noch das Beständige in der Kirche sei. Wo oder was ist der Fels in der Brandung innerhalb der Kirche? Was ist die Planke, die vor dem Schiffbruch des Glaubensverlustes rettet?

In der Theologie reden wir viel über Gott. Doch scheinbar reden wir nur noch wenig mit ihm. Die Kirchen werden leerer. Viele Priester empfinden keinen spirituellen Tiefgang mehr bei der Feier der Hl. Eucharistie. Und kaum noch findet sich eine Kirche, in der die Möglichkeit der Anbetung des Allerheiligsten gegeben ist. Doch ist gerade die Anbetung so wichtig für den Glauben und für die Kirche!

Papst Benedikt XVI.

Viele Menschen, darunter auch viele Priester, stellen sich die Frage, ob eine Anbetung des Herrn im Sakrament des Altares überhaupt noch zeitgemäß sei. Müsse man nicht nach neuen „ansprechenderen“ Formen der Liturgie suchen?

Doch gerade die Anbetung des Eucharistischen Christus ist zutiefst sinnvoll. Insofern wäre es gut und richtig, wenn in der Theologie die Rede von Gott wieder mehr aus der Anbetung käme und in die Anbetung einmünden würde. Eine solche Form von Theologie können wir von den großen Theologen der Kirche lernen, jenen Gottesgelehrten, die wirklich etwas zu sagen hatten. Denken wir zum Beispiel an den hl. Augustinus (…430) oder den hl. Thomas von Aquin (…1274), dem wir unter anderem den großen Hymnus „Adoro te devote“ – „Gottheit tief verborgen“ zu verdanken haben. Er verfasste diesen wunderschönen Text anlässlich der Einführung des Hochfestes Fronleichnam (Sollemnitas Sanctissimi Corporis et Sanguinis Christi) 1264 durch Papst Urban IV. Aus der Faszination Gottes heraus, aus dem gläubigen Ergriffensein von Gott und seiner Offenbarung, haben die großen theologischen Gelehrten jener Zeit nach tiefer Glaubenserkenntnis gestrebt. Und auch Anselm von Canterbury (…1109) formulierte: „fides quaerens intellectum“ – „Glaube, der nach Verstehen sucht“.

Der Theologe Hans Urs von Balthasar hat diese Art der Glaubenswissenschaft eine kniende Theologie genannt. Damit unterschied er sie zweifelsohne von der gegenwärtigen sogenannten sitzenden Theologie. Wie recht er doch mit dieser Unterscheidung hatte! Eine Theologie, die es verlernt hat, vor dem großen dreifaltigen Gott in die Knie zu gehen, kann dem glaubenden Menschen nicht mehr von Nutzen sein. Wollen wir in rechter Art und Weise über den allmächtigen Schöpfer Gott reden und ihm begegnen, so gebietet es sich, in die Knie zu gehen. Denn nur, wenn ich begreife, mich vor Gott klein zu machen und damit seine unfassbare Größe für mein Leben anzuerkennen, kann ich wahrhaftige Aussagen über Gott treffen.

„Adoro te devote, latens Deitas“ – „Gottheit, tief verborgen, betend nah ich dir“. Das hat der hl. Thomas geschrieben, den die Kirche zurecht als Patron der Theologie und großen Kirchenlehrer verehrt. Vom hl. Thomas stammt aber nicht nur ein monumentales wissenschaftliches Werk theologischer und philosophischer Traktate, Kommentare und Streitschriften, sondern auch Teile der Liturgie des Fronleichnamsfestes. Hymnen, die bis heute zum Schönsten im Liedschatz der Kirche gehören, sind von ihm (zum Beispiel das „Pange lingua“ oder das „Deinem Heiland, deinem Lehrer“).

Vielleicht hätteThomas selbst am Ende seines Lebens gerade diese Fronleichnamshymnen zu seinen wichtigsten Werken gerechnet. Denn am Ende seines Lebens war ihm alle theologische Gelehrsamkeit fragwürdig geworden im Vergleich zu dem, was er während eines mystischen Erlebnisses bei der Feier der Hl. Messe am 6. Dezember 1273 geschaut hatte. Während er die Messe las, wurde ihm eine alles umstürzende Erfahrung zuteil, die manche als Vision und mystisches Erlebnis, andere als Nervenzusammenbruch gedeutet haben. Er schrieb oder diktierte von dem Augenblick an keine Silbe mehr. Als sein Sekretär ihn drängte, seine Arbeiten fortzusetzen, sagte er: „Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein.” So legte er die Feder aus der Hand und schrieb und lehrte bis zu seinem Tod am 7. März 1274 nichts mehr. Aus der Anbetung war seine Theologie gekommen und im anbetenden Schweigen endete sie. Und mit großer Gewissheit hat er sich in den letzten Monaten seines Lebens viel vor dem Allerheiligsten Sakrament aufgehalten, vor jenem Geheimnis, das er in den Offiziumslesungen zum Fronleichnamstag das „größte der Wunder Christi“ nennt.

In den Evangelien finden wir viele Wunder Jesu aufgeschrieben: zum Beispiel das erste Zeichen im Johannesevangelium, die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana. Oder denken wir an die wunderbare Brotvermehrung, als der Herr die Fünftausend speiste. Darüber hinaus  die Krankenheilungen von Blinden, Aussätzigen und Lahmen. Nicht zuletzt der Bericht über die Auferweckung des Lazarus aus dem Grab. Doch all diese Wundertaten, diese göttlichen Machtzeichen Christi, sagt Thomas, werden überragt vom Wunder der Eucharistie und sind zugleich auch alle darin enthalten. Denn die Eucharistie ist auch eine Verwandlung, die Verwandlung schlechthin: Brot und Wein werden auf übernatürliche Weise gewandelt zu Leib und Blut Christi. Sie ist auch eine wunderbare Brotvermehrung: Christus speist die Vielen, die Menschen aller Zeiten und an allen Orten mit dem Brot vom Himmel.

Die Eucharistie ist gleichsam auch eine Krankenheilung: sie hat heilende Kraft für Seele und Leib. „Ich komme wie ein Kranker zum Arzt des Lebens, wie ein Unreiner zur Quelle des Erbarmens, wie ein Blinder zum Licht der ewigen Klarheit, wie ein Armer zum Herrn des Himmels und der Erde“, heißt es in einem eucharistischen Gebet des hl. Thomas.

Und auch die Auferweckung vom Tod, die wir erhoffen, steht in Zusammenhang mit diesem Sakrament: „pharmakón athanasias“ – „Heilmittel der Unsterblichkeit“ so bezeichnete die Urkirche die hl. Eucharistie. Und noch heute sprechen wir in der Liturgie von dem „ewigen Heilmittel“. Gerade diesen Aspekt, die Gabe des ewigen Lebens, betont Christus wiederholt im Evangelium, wenn er sagt: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag.“ (Joh 6,54)

In der Eucharistie, welche Jesus Christus beim Letzten Abendmahl seiner Kirche eingestiftet hat, ist uns wirklich etwas Großartiges und Wunderbares geschenkt. In jeder Eucharistie dürfen wir feiern und empfangen, was wir nicht rational mit unserer Vernunft erfassen können. Es übersteigt unser menschliches Erkenntnisvermögen. So sind wir im Letzten verwiesen auf den Einsatz unseres Herzens, auf das vertrauende und gläubige Ja, das Staunen und die Anbetung.

Der hl. Augustinus sagt einmal: „Niemand kann (recht) kommunizieren, ohne zuerst angebetet zu haben“. Wer anbetet, der begreift in seinem Herzen das Geschehen der unblutigen Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers in jeder Feier der hl. Messe. Aus diesem hl. Opfer dürfen wir die hl. Eucharistie, den Herrn selber, empfangen und dürfen ihm darüber hinaus in seiner bleibenden Gegenwart unter den Menschen anbetend begegnen. Die Anbetung hält also den eucharistischen Glauben lebendig und bewahrt den Menschen davor, sich durch Gleichgültigkeit an Christus in seiner eucharistischen Hingegebenheit zu versündigen. Dort, wo die Eucharistische Frömmigkeit nicht mehr gepflegt wird, kann man das an einer erschreckend ehrfurchtslosen, ja lieblosen Feier der Eucharistie und eine entsprechenden Kommunionpraxis ablesen, wie sie uns heute in vielen Gemeinden begegnet.

„Es ist der Wille meines Vaters, dass alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, das ewige Leben haben“, lautet ein Wort Jesu im Johannesevangelium (Joh 6,40). Den Sohn sehen in der Verborgenheit und Unscheinbarkeit der Hostie. Das bedeutet, durch das Auge und das Herz die lebendige Gegenwart Christi, seine Aura, seine Ausstrahlung in sich einströmen und aufzunehmen zu lassen. Wenn das Auge im Licht ist, wird der ganze Leib hell sein (vgl. Mt 6,22). Wie viele Menschen sind heute auf der Suche nach sogenannten spirituellen Erfahrungen, nach bewusstseinserweiternden Erlebnissen. Und doch verliert alles an Wertigkeit im Vergleich zu einer stillen Hingabe im Gebet an den Eucharistischen Christus.

Will die Kirche weiterhin bestehen und Menschen wieder zu Gott (zurück)führen, dann kann dies nur durch eine anbetende Kirche geschehen. Nur wenn die Bischöfe, Priester und alle zu einem besonderen Dienst in der Kirche bestellten Menschen, dies wieder in ihrem Tiefsten verinnerlichen, kann der Glaube wachsen, können in der Kirche neue Berufungen erstehen. Nur wenn die Kirche wieder zu einer anbetenden Kirche wird, wird sie den Menschen den Glauben an den dreifaltigen Gott wieder näher bringen können. Wird sie dies nicht, wird für sie traurige Wahrheit werden, was schon Jesaja prophezeit hat: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“ (Jes 7,9).

Pastor Carsten Scheunemann