Plädoyer für den Zölibat

Katholische Priester sind unverheiratet. Das kanonische Recht verpflichtet Kleriker zum Zölibat, also dazu, „vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren“.[1] Das ist soweit allgemein bekannt.

Gleichwohl wird der Zölibat – gerade im deutschsprachigen Raum – regelmäßig hitzig umstritten. Immer wieder wird seine Aufweichung oder gar Abschaffung gefordert. Dabei scheinen sich paradoxerweise besonders diejenigen mit ihm schwer zu tun, die nie Ehelosigkeit versprochen haben.

In dieser Erklärung wollen wir uns an alle wenden, die sich um ein vertieftes Verständnis der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen bemühen und sich „die kostbare Gabe des priesterlichen Zölibates ein wirkliches Anliegen sein lassen“ möchten, wie die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils alle Gläubigen bitten.[2]

Schon die Frage nach dem Ursprung des Zölibats stiftet Verwirrung. Dabei lautet der Vorwurf: Priesterliche Enthaltsamkeit gebe es erst seit dem Mittelalter und sei bloß ein Mittel, um Priester zu disziplinieren.

Richtig ist zwar, wie die Väter des Zweiten Vatikanums feststellen, dass die Ehelosigkeit „nicht vom Wesen des Priestertums selbst gefordert“[3] wird. Und richtig ist auch, dass unter Papst Innozenz II. das erste Laterankonzil 1123 das Zusammenleben von Priestern mit (Ehe-) Frauen untersagte.[4] Und 1139 schloss das zweite Laterankonzil solche Kleriker vom Dienst aus, die heirateten. Damit wurde durch diese beiden Konzilien tatsächlich die universalkirchlich geltende Ehelosigkeit römisch-katholischer Priester im Mittelalter begründet. Seither gilt für die Kirche: „Im Osten wie im Westen kann, wer das Sakrament der Weihe empfangen hat, nicht mehr heiraten.“[5]

Wahr ist aber auch, dass die Enthaltsamkeit der Priester schon viel früher – nämlich in der Antike – festgeschrieben worden ist. So regelt die Synode von Elvira um das Jahr 300: „[Alle Kleriker] sollen sich von ihren Ehefrauen enthalten und keine Kinder zeugen: jeder andere aber, […] soll aus der Ehrenstellung des Klerikers verjagt werden.“[6]

Das Vorbild vollkommener Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit prägte dabei Jesus Christus selbst,  der zölibatär lebte[7] und in dessen Vollmacht und Person die Priester handeln. Ehelosigkeit ist einer der drei Evangelischen Räte – neben Armut und Gehorsam. „Die Grundhaltung zölibatärer Liebe ist ein Evangelischer Rat für alle Christen.“[8]

Der Herr sagt: „manche haben sich selbst [zur Ehe unfähig] gemacht – um des Himmelreiches willen“. (Mt 19, 12) Ebenso schreibt der heilige Apostel Paulus: „Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.“ (1Kor 7, 32-33)

Der Kern der zölibatären Verpflichtung besteht also im inneren Zusammenhang von enthaltsamer Lebensform und dienstlichem Auftrag der katholischen Priester. Die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils schreiben: „Der Zölibat ist […] in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen.“[9] Und die Priester sind „ein lebendiges Zeichen der zukünftigen […] Welt“.[10] Denn, so sagt der Herr: „Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten.“ (Lk 20, 34-35)

Der zölibatär lebende Priester spricht nicht nur in Predigt und Lehre von den Verheißungen Christi, sondern wird zu einer prophetischen Existenz, die ganzheitlich auf das Kommende hinweist. „Der Zölibat ist ein Zeichen des neuen Lebens, zu dessen Dienst der Diener der Kirche geweiht wird; mit freudigem Herzen auf sich genommen, kündigt er strahlend das Reich Gottes an.“[11]

Denn als Jünger des Herrn ist der Priester „nicht von dieser Welt“ (Joh 17, 14). Daher betet der Herr zum Vater: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. […] Heilige sie in der Wahrheit. […] Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.“ (Joh 17, 15.17-18)

In die Welt gesandt, ist der Priester „dazu berufen, sich ungeteilt dem Herrn und seiner ‚Sache‘ zu widmen“[12] für die ihm anvertrauten Menschen: „Zölibatäres Leben, das dem Vorbild Jesu folgt, ist die Kunst, als unverheirateter Mensch zeichenhaft durch die ganze Existenz heilende und zum Heil führende Liebe zu verwirklichen. Solche Liebe lässt sich tief betreffen und bleibt doch ein Pol der Ruhe.“[13]

Die Zölibatären leben also nicht ohne Liebe – wie ihnen bisweilen vorgeworfen wird. Papst Benedikt XVI. sagte: Der Zölibat „kann nicht bedeuten, in der Liebe leer zu bleiben, sondern muß bedeuten, sich von der Leidenschaft für Gott ergreifen zu lassen“.[14]

„Wo menschliches Verlangen in Partnerschaft und in körperlich-seelischer Vereinigung gestillt werden möchte, bricht zölibatäre Liebe auf und mündet ins Sehnen nach Gott und letzter Erfüllung. […] Besonders Seelsorger, gleich welchen Standes, müssen sich vom Geist solcher Liebe bestimmen lassen, damit ihr Dienst frei macht, heilt und Heilung vermittelt.“[15]

In vielen Diskussionen wird vom „Zwangszölibat“ gesprochen, also vom Gegenteil der Freiheit. Es wird wenigstens implizit der Vorwurf erhoben, Priester würden zu einem Leben in Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit gezwungen. Der Begriff „Zölibatszwang“ findet sich gar im Duden.

Dagegen regelt das kanonische Recht eindeutig: „Damit einem Kandidaten die Diakonen- oder Priesterweihe erteilt werden darf, hat er […] eine eigenhändig abgefasste und unterschriebene Erklärung zu übergeben, durch die er zu bekunden hat, dass er von sich aus und frei die heilige Weihe empfangen […] wird“.[16] Und: „Vom Empfang der Weihen sind fernzuhalten, die mit irgendeinem Hindernis behaftet sind“.[17]

Als Priester um des Himmelreiches willen keusch und ehelos zu leben, „ist seit den Zeiten Jesu ein Zeichen der Liebe, der ungeteilten Hingabe zum Herrn und der völligen Bereitschaft zum Dienst.“[18]

Freilich mag dieses Zeichen oft Unverständnis auslösen. Solches Unverständnis aber darf nicht leichtfertig zur Aufgabe des Zölibates führen. Das „Zeichen der Liebe“ der zölibatär lebenden Priester und Ordensleute wird heute ja gerade umso dringender benötigt.

Daher muss sich die ganze Kirche noch intensiver dem allmächtigen Gott zuwenden und im Gebet um Menschen bitten, die bereit sind, „Zeichen der Liebe“ zu sein. So schreiben es auch die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Und je mehr in der heutigen Welt viele Menschen ein Leben in vollkommener Enthaltsamkeit für unmöglich halten, um so demütiger und beharrlicher werden die Priester und mit ihnen die ganze Kirche die Gabe der Beständigkeit und Treue erflehen, die denen niemals verweigert wird, die um sie bitten.“[19]

Statt immer wieder über die Lockerung, bzw. Abschaffung des Zölibates zu debattieren, sollten wir uns vielmehr bemühen, die zu stärken, die bereit sind, „um des Himmelreiches willen“  in vollkommener und immerwährender Enthaltsamkeit zu leben!

[1]    Can. 277 CIC

[2]    Presbyterorum Ordinis, Nr. 16

[3]    ebd.

[4]    DH  711

[5]    KKK 1580

[6]    DH 119

[7]    vgl. Youcat, Nr. 258

[8]    Stefan Blarer-Ziegler: Zölibat, in: LThK³, Bd. 10, Sp. 1486

[9]    Presbyterorum Ordinis, Nr. 16

[10]  ebd.

[11]  KKK 1579

[12]  ebd.

[13]  Stefan Blarer-Ziegler: Zölibat, in: LThK³, Bd. 10, Sp. 1486

[14]  Papst Benedikt XVI.: Ansprache zum Weihnachtsempfang der römischen Kurie, 22.12.2006

[15]  Stefan Blarer-Ziegler: Zölibat, in: LThK³, Bd. 10, Sp. 1486

[16]  Can. 1036 CIC

[17]  Can. 1040 CIC

[18]  Youcat, Nr. 258

[19]  Presbyterorum Ordinis, Nr. 16