Die Kunst des Wartens – Gedanken zum Advent

„Ich will alles – sofort!“ So konnte man vor einigen Jahren auf vielen Aufklebern lesen. Diese sind heute weitgehend wieder verschwunden, nicht aber die Einstellung, die darauf zu Tage trat. Man kann den Spruch zwar auch als Witz oder launige Bemerkung betrachten, aber es bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wenn man die Auswirkungen betrachtet. Denn die schönsten Ereignisse unseres Lebens, und vor allem unsere Feste werden so gründlich verdorben. „Ich will alles – sofort!“ Man sieht: Viele Menschen können nicht mehr warten. Die Kunst des Warten-Könnens ist weithin verlorengegangen. Zum Festfeiern gehört unabdingbar aber auch das Warten-Können, das einhergeht mit Vorbereitung, spannungsvoller Erwartung und Vorfreude auf das Fest. Ohne Warten keine Spannung, keine Vorfreude! Ohne Spannung und ohne Vorfreude aber auch kein Staunen und keine Freude mehr! Welches Kind kann heute noch staunen über den Lichterbaum oder die Krippe am Weihnachtsfest – hat es das doch alles schon in der Adventszeit bis zum Überdruß gesehen und erlebt.

Eine Schulleiterin, die mich zu einer „Weihnachtsfeier“ im Advent einladen wollte, habe ich einmal gefragt: „Was sollen wir, die Priester und Seelsorger, eigentlich noch den Kindern zu Weihnachten predigen und verkünden, wenn Sie schon vorher eine Weihnachtsfeier veranstalten – mit Weihnachtsliedern, Weihnachtsevangelium und Krippenspiel? Den Kindern muß doch letztendlich die Weihnachtsbotschaft „zum Hals heraushängen“. Ihre Antwort sinngemäß: „Mag sein – aber die Eltern wünschen es so.“ Ich möchte dagegenhalten: Kann das ein Argument sein? Darf man sich einfach irgendwelchen Wünschen anpassen, ohne auch einmal nach dem Sinn zu fragen oder auch danach, was man möglicherweise zerstört? Damit wird aber deutlich: Nicht mehr warten zu können ist in erster Linie die „Sünde“ der Erwachsenen, nicht der Kinder. Diese machen nur nach, was ihnen die Erwachsenen vorleben, die ihrerseits auch keine echte Festfreude mehr empfinden.

Eine Kinderandacht am 24. Dezember um 17.00 Uhr in der Kirche! Die Kirche ist „rap¬pelvoll“ mit Kindern, Eltern und Erwachsenen. In den Bänken liegen Lied¬zettel aus. Trotzdem werden selbst die sonst allseits bekannten und beliebten Weihnachtslieder kaum mitgesungen. Liegt es daran, dass wider Erwarten viele Erwachsene diese Lieder nicht mehr kennen? Oder können sie die Lieder nicht mehr mit Freude singen, weil sie von dem Weihnachtsspektakel im Advent schon übersatt sind?

In den vorweihnachtlichen Werbepraktiken und Angeboten der Geschäftswelt wird Weihnachten besonders krass vorweggenommen. Damit es kein Mißverständnis gibt: Das, was ich hier sage, soll keine Verurteilung derer sein, die im Geschäftsleben stehen und ihr Geschäft im Advent weihnachtlich dekorieren. Ich bin mir bewußt, dass es im Geschäftsleben manche Zwänge gibt, denen man nicht oder nur sehr schwer ausweichen kann; man steht unter Druck, man muß vom Weihnachtsumsatz leben, und die Konkurrenz schläft nicht. Aber es macht mich traurig, dass es diese Zwänge gibt, dass sie so sehr unser Leben bestimmen und uns eines Teils unserer Freiheit berauben. Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass man mit etwas Mut zum Anderssein, mit Kreativität und Einfallsreichtum auch in der Geschäftswelt vieles anders machen und mit einer gut platzierten Adventsdekoration ein Geschäft ebenso (oder noch mehr) einladend und werbewirksam wie mit Weihnachtlichem präsentieren kann.

Wenn wir schon im Wirtschafts- und Geschäftsleben und damit auch in der Öffentlichkeit solchen Zwängen nicht ausweichen können, müssen wir uns um so mehr im kirchlichen Leben einen Freiraum für richtiges Advent- und Weihnachten-Feiern bewahren. Deshalb meine dringende Bitte an alle, die in der Gemeindeseelsorge, in Schulen, Kindergärten, Vereinen und Verbänden tätig sind, aber auch an alle Mütter und Väter, an alle Familien:

  • Feiert in den kommenden Wochen wirklich Advent – und dann erst Weihnachten, wenn die Zeit dafür da ist. Advent soll auf Weihnachten hinführen, nicht Weihnachten vorwegnehmen. Veranstaltet im Advent Adventsfeiern – und in der Weihnachtszeit Weihnachtsfeiern.
  • Hört und singt nicht jetzt schon die Weihnachtslieder, sondern die wunderschönen Lieder des Advents, die von Erwartung, Hoffnung und Freude sprechen und die Erlösungssehnsucht der Menschen widerspiegeln. (Ausgenommen sind natürlich die Mitglieder von Chören, die für Weihnachtsgottesdienste proben müssen.) Dann könnt ihr auch die Weihnachtslieder am Fest wieder mit größerer Freude singen. Auch sog. Weihnachtskonzerte sind unpassend für den Advent.
  • Stellt den Lichterbaum erst am Hl. Abend auf; dann könnt ihr, und v. a. die Kinder, sich wieder daran freuen. Ein Lichterbaum im Advent an Kirchen oder Pfarrheimen ist nicht nur unpassend, sondern zeigt auch, dass die Verantwortlichen vom Sinn des Advents wenig begriffen haben.
  • Baut nicht jetzt schon die Krippe auf; veranstaltet keine Krippenfeiern; hebt euch die Verkündigung des Weihnachtsevangeliums (soweit es geht) für den Hl. Abend und Weihnachten auf. Dann könnt ihr auch das Ereignis der Geburt des Erlösers wieder als etwas Neues und Unerhörtes erfahren.

Advent ist Zeit des Wartens.

Überhaupt: Christsein heißt Warten. Christliche Existenz ist, bildhaft gesprochen, Leben im Wartesaal. Die wichtigsten Dinge unseres Lebens, alles, was von Gott kommt, das Reich Gottes, die Wiederkunft des Herrn, das ewige Leben – nichts können wir erzwingen oder herbeizaubern; wir können nur betend darauf warten.
Machen wir den Advent wieder zu einer Zeit des Wartens!