Der Antichrist nach der Lehre der Väter bei Newman

1. Biblische Fundamente

Das Erscheinen des Antichrist gehört nach eindeutiger biblischer Aussage zu den Vorzeichen der Wiederkunft Christi. Diese und die Ereignisse am Ende der Zeiten sind Dinge, die unser Vorstellungsvermögen überschreiten.

Wie das erste Kommen Christi in Johannes einen Vorläufer gefunden hat, so wird auch seinem zweiten Kommen eine Gestalt vorausgehen, die sich an die Stelle Christi setzt und ihm feindlich gegenübertritt. Nur im Ersten und Zweiten Johannesbrief kommt das Wort „Antichrist“ ausdrücklich vor (Joh 2,18–22; 4,1–3; 2 Joh 7). Auch wenn der Antichrist noch nicht selbst gekommen ist, so ist doch der „Geist des Antichrist“ bereits in der Welt gegenwärtig und wirksam. Er bekundet sich in vielen „Antichristen“ und „falschen Propheten“. Doch die Ankunft des letzten Widersachers Christi steht noch aus. Dem Geist des Antichrist ist es eigen, Vater und Sohn (also den wahren Gottesglauben) abzulehnen. Die Verführer bekennen nicht, „dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist“. „Das ist der Verführer und der Antichrist“ (2 Joh 7). Johannes kann sich bereits auf die vorausgehende Überlieferung stützen: „Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt“ (1 Joh 2,18). Ihren Wurzelgrund hat sie in der Endzeitrede Jesu selbst.

Nach der Einschätzung mancher Kirchenväter spricht auch das Johannesevangelium vom Antichrist: „Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und doch lehnt ihr mich ab. Wenn aber ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, werdet ihr ihn anerkennen“ (Joh 5,43).[1] Die wirkungskräftigsten Quellen zur Gestalt des Antichrist finden sich in der Geheimen Offenbarung, wenngleich das Wort als solches dort nicht vorkommt. Darin sind eine Fülle von Anspielungen auf die damalige geschichtliche Situation der Verfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian am Ende des ersten Jahrhunderts enthalten. Es werden jedoch in bildhafter Sprache Ereignisse geschildert, die für die gesamte Endzeit charakteristisch sind und die vor der Wiederkunft Christi ihre letzte Zuspitzung erfahren.

Johannes beschreibt unter anderem eine Vision, wonach der Drache seine Macht einem Tier übergibt, das aus dem Meer emporsteigt, „mit zehn Hörnern und sieben Köpfen“ (Offb 13,1–2). Dies wurde später, so auch bei Newman, auf die sieben Berge gedeutet, auf denen die Hure Babylon sitzt; es ist eine Anspielung auf die Stadt Rom mit ihren sieben Hügeln (vgl. Offb 17,9). Es sind darin auch verschiedenen Anspielungen auf das Buch Daniel enthalten (vgl. Dan 7,1–6).

Auch wenn realgeschichtliche Zustandsbeschreibungen in der römischen Zeit als Vorlage dienen, so übersteigen die apokalyptischen Ankündigungen doch die Zeitgeschichte am Ende des ersten Jahrhunderts. Vorangekündigt wird ein „endzeitlicher Weltenherrscher, der alle Bewohner der Erde seiner Tyrannei unterwirft“.[2]

Von entscheidender Bedeutung sind auch die Angaben im Zweiten Brief an die Thessalonicher. Der Brief wendet sich gegen eine vorzeitige Endzeitstimmung, worin man glaubte, „der Tag des Herrn sei schon da“ (2 Thess 2,3–12). Bevor Christus wiederkommt, muss der „Widersacher“ erscheinen, der den Abfall von Gott fördert, aber am Ende von Christus vernichtet wird (2 Thess 2,3–12). Es geht um einen bestimmten Menschen, der die „Kraft des Satans“ hat, ohne mit dem Teufel identisch zu sein. Er heißt hier „Mensch der Gesetzwidrigkeit“, „Sohn des Verderbens“ und „Widersacher“. Der Widersacher ist eine Gestalt der Zukunft, aber gleichzeitig betont der Apostel, dass die „geheime Macht der Gesetzwidrigkeit“, die sich in dem „Sohn des Verderbens“ offenbart, „schon am Werk“ ist (2 Thess 2,7). Das Mysterium iniquitatis ist jedenfalls bereits jetzt wirksam.

In der auf das Danielbuch (vgl. Dan 9,27; 11,1; 12,11) anspielenden Endzeitrede Jesu heißt es über die Schändung des Tempels: „Wenn ihr … den ‚unheilvollen Greuel‘ an dem Ort seht, wo er nicht stehen darf – der Leser begreife –, dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen“ (Mk 13,14). Der griechische Text verwendet hier ein maskulines Partizip: hestekóta – stehend. Dazu Gnilka: „Das zur Person gewordene Scheusal, das sich an einem bewusst rätselhaft umschriebenen heiligen Ort unmissverständlich zu erkennen geben wird, ist der Antichrist.“[3]

Es hat immer wieder zu Spekulationen Anlass gegeben, was mit dem Grund gemeint ist, der das Kommen des Antichrist noch aufhält: dem katechon. „ihr wisst …, was ihn noch zurückhält … nur muss erst der beseitigt werden“, der die Macht der Gesetzwidrigkeit noch zurückhält (2 Thess 2,6–7). Sowohl moderne Exegeten als auch Newman halten den Hinweis auf das Römische Reich für die plausibelste Lösung. Der römische Staat verhindert „als ordnungsstiftender Faktor … das Außer-Kontrolle-Geraten des Bösen“.[4] Auch die gegenwärtige Gemeinschaft von noch existierenden Staaten, in denen sich Elemente der Rechtsordnung, der Sprache, der Kultur erhalten haben, kann in gewisser Weise als Nachfolgerin des römischen Staates angesehen werden, sofern in ihnen rechtsstaatliche Prinzipien ihre Geltung bewahrt haben.

2. Der Antichrist nach der Lehre der Väter bei John Henry Newman[5]

Die Gedankenlinien Newmans bewegen sich nicht linear, sondern eher in konzentrischen Kreisen um ihren Gegenstand, wie es bei Predigten zu erwarten ist. Daher kommt er öfter auf das gleiche Thema zurück, das jeweils vertieft wird. Es ist nicht ganz einfach, die Abhandlung systematisierend wiederzugeben. Ich greife hier einige Hauptgesichtspunkte heraus, die Newman wichtig sind und auch für das heutige Zeitgeschehen eine gewisse Relevanz zu besitzen scheinen.

Der Antichrist gilt als der Vorläufer der Wiederkunft Christi. (11) Und diesem gehen wiederum (was schon Paulus in seinen Tagen konstatiert) „Schatten und Vorboten und Ansprüche und wirkende Kräfte“ dessen voraus, „was eines Tages in seiner Fülle kommen sollte“. (13) Die Schatten des Antichrist gehen diesem voran. So lassen sich epochal verschiedene Vorläufer des „Sohnes der Verlorenheit“ ausmachen, früher wie heute.

Von großer Bedeutung ist für Newman das, was das Kommen des Antichrist noch aufhält und von dem Paulus im 2. Thessalonicherbrief spricht: der katechon, qui tenet, dem Aufhalter des Antichrist. Kirchenväter wie Tertullian, Hieronymus, Laktanz sowie mittelalterliche Autoren wie Otto von Freising haben das Römische Reich als diesen Aufhalter verstanden. Dem schließt sich Newman in seiner Predigt an. Er geht zunächst auf einen Einwand ein, der da lautet: Da das Römische Reich doch schon längst gefallen ist, hätte der Antichrist doch bereits erscheinen müssen, was aber augenscheinlich nicht der Fall ist. Dieser Einwand wird so entkräftet: Auf Griechenland folgt (nach einer Deutung Daniels) Rom, auf Rom folgt der Antichrist und auf diesen der zweite Advent. (14) Es ist jedoch nicht klar, dass das Römische Reich vergangen ist. Es verbleibt sogar bis auf den heutigen Tag. Es ist in zehn Königreiche zerteilt worden; in ihnen lebt das Imperium fort. (15) Newman erwähnt es nicht ausdrücklich, aber sicher wäre hier eine Brücke zu schlagen zu der Geschichtsmächtigkeit des christlichen Kaisertums und der germanischen Könige. Folgt man der Apokalypse, so bricht das Tausendjährige Reich mit dem Sturz Babels[6] an; es fesselt den Satan für tausend Jahre. Dann vollzieht sich seine große Wiederkunft, die nicht mehr durch menschliche Anstrengung, sondern durch das Feuer vom Himmel beendet wird.

Mit Blick auf Daniel wieder: Der Antichrist wird sich, nachdem diese „Königreiche“ abdanken, aus der Mitte jener Hörner (= Reiche) erheben. Bei der Auflösung der bestehenden Mächte, allesamt Überbleibsel des alten Rom, wird er sich „aus ihrem Schoße“ erheben. (24)

Es muss aber, wenn vom katechon die Rede ist, auch das Wort des Johannes reflektiert werden: „Er ist am Werk gewesen schon immer seither, von den Aposteln an, wiewohl niedergehalten von dem, was ‚aufhält‘.“ (16) Newman versteht darunter nicht in erster Linie homogene, monarchisch verfasste politische Systeme, sondern ganz allgemein: „das gegenwärtige Fachwerk der Gesellschaft und der Regierungen, soweit sie römische Mächte repräsentieren“.

Es ist sicher zutreffend, besonders in dem römischen Papsttum als für die Menschen im Glauben einheitsstiftender und Orientierung bietender Macht ein Moment des katechon zu sehen.

Gemäß seiner Zwei-Reiche-Lehre deutet Augustinus das Auftauchen des Antichrist als eine Art Gegenkirche, die sich aus der Stadt Gottes selbst erhebt. In De Civitate Dei schreibt er: „Wer nun dieses Tier (vgl. Offb 20,4) ist, bedürfte freilich einer genaueren Untersuchung, aber es kann darunter ohne weiteres, ohne Verstoß gegen den rechten Glauben, die gottlose Stadt selbst verstanden werden und das ungläubige Volk im Gegensatz zum gläubigen Volk und dem Gottesstaate. Sein ‚Bild‘ (= Standbild) aber mag seine Heuchelei sein, wie sie sich bei den Menschen zeigt, die zum Schein den Glauben bekennen und dabei das Leben von Ungläubigen führen. Denn diese heucheln etwas zu sein, was sie nicht sind, und heißen Christen nicht in wahrem Abbild, sondern in irreführendem Zerrbild.“[7]

Ein einzelner Mensch?

Newman widmet sich auch der Frage, ob der Antichrist ein einzelner Mensch oder eher ein Kollektiv von Personen oder eine anonyme politische Macht. Und er gibt darauf die Antwort: Dass es sich um einen einzelnen Menschen handelt, „ist weithin durch die Vorwegnahmen der vollen Erfüllung der Prophezeiung wahrscheinlich gemacht, die, wie ich sagte, in der Geschichte bereits eingetreten sind.“ (19) Einige dieser Gestalten werden dann angeführt, an erster Stelle der in Makk genannte Antiochus, sodann Julian Apostata (Mitte des 4. Jahrhunderts nach Christus).

Zur Illustration bringt Newman ein Zitat aus dem Danielkommentar des Theodoret: „Nachdem er von Antiochus Epiphanes gesprochen hat, wendet sich der Prophet vom Bilde zum Antitypus, denn der Antitypus des Antiochus ist der Antichrist, und das Bild des Antichrist ist Antiochus. Wie Antiochus die Juden dazu trieb, gottlos zu handeln, so wird der Mann der Sünde, der Sohn der Verlorenheit, jegliche Anstrengung machen, um die Frommen zu verführen durch falsche Wunder und durch Gewalt und Verfolgung. Wie der Herr sagt: ‚Dann wird große Trübsal sein, wie noch nie gewesen ist seit Beginn der Welt bis zu dieser Zeit, noch je wieder sein wird‘.“[8]

Die Machtergreifung des Antichrist – so viel muss klar sein – geschieht durch eine Apostasie. Die arianische Häresie hatte bereits Julian, der das Heidentum wieder einführen wollte, genährt. (25)

Aus einer „zweiköpfigen Häresie“ – Eutychianismus und Nestorianismus – kam „der Betrüger Mohammed hervor und formte seine Religion“ (27) – „ein anderer besonderer Schatten des Antichrist“. (27)

Und für uns heute sehr aktuell, weil auf den liberalen Säkularismus vorausweisend, schreibt Newman: „…eine zugestandene und wachsende Meinung“ … „dass eine Nation mit Religion nichts zu tun hat und diese nur Sache des Gewissens jedes einzelnen ist“. (27) Das heißt, auch die liberale europäische Demokratie, die die Religion aus dem öffentlichen Leben und Diskurs verweist und zur reinen Privatsache erklärt, kann als ein Vorläufer des Antichrist gelten.

Die Religion des Antichrist

Unter dem Antichrist nimmt aber nicht alle Religion ein Ende. Vielmehr wird die religiöse und kultische Verehrung eines transzendenten Gottes, wofür die alten monotheistischen Religionen standen, auf das Subjekt des Antichristen umgelenkt, mit anderen Worten: Er setzt sich an die Stelle Gottes und usurpiert dessen Verehrung.

Er schreitet von der Verwerfung des Sohnes zur Verwerfung Gottes überhaupt (31), sitzt im Tempel Gottes und sagt von sich selbst, dass er Gott ist. (34) Newman fragt, ob er selbst denn irgendeine Art von Religion haben werde, worauf mit Dan 11,38f. zu antworten wäre: Er hat zu tun mit einem seltsamen Gott, den er erwählt hat – er wird den Gott der Gewalt ehren. Was damit bei Dan gemeint ist, das ist uns nach Newman „völlig verborgen“. (39) Er wird sich gegen alle Götzen setzten wie auch gegen den wahren Gott. (ebd.) Und er wird der Urheber „einer neuen Art von Gottesdienst“ sein.

Und gegen die weltanschaulichen Tendenzen des positivistischen Szientismus, der bereits in Newmans Tagen aufkeimte, sagt er, „dass diese Vision vom Antichrist als einer kommenden übernatürlichen Macht ein großer providenzieller Gewinn ist, da er ein Gegengewicht ist zu den bösen Tendenzen des Zeitalters“. (49)

Die Stadt des Antichrist

Die alten Prophezeiungen, die Newman in eine geschichtstheologische Betrachtung wendet, haben wohl Rom in seiner imperialen Macht vor Augen gehabt. Über sein Abdanken und seine Weiterexistenz schreibt Newman:

„Es ist schwer zu sagen, ob das Römische Imperium vergangen ist oder nicht; in einem Sinn ist es vergangen, denn es ist geteilt in Königreiche; in einem anderen Sinn ist es das nicht, denn das Datum kann nicht bezeichnet werden, zu dem es sein Ende fand, und vieles könnte in mancherlei Weise gesagt werden, um zu zeigen, dass es noch als existierend betrachtet werden kann, wiewohl in zerstückeltem und verfallenem Zustande.“ (57) Auch die zehn Könige, die das Römische Reich ablösen sollen, sind noch nicht in so klarer Weise gekommen: „Wenn also das Römische Imperium noch darniederliegt, dann sind die zehn Könige noch nicht gekommen; und wenn die zehn Könige noch nicht gekommen sind, die vorbestimmten Vernichter des Weibes, dann sind die vollen Gerichte über Rom noch nicht gekommen.“ (58)

Das heidnische Rom als widerchristliche Macht stellt das vierte Tier aus der Vision Daniels dar; es wurde oftmals gezüchtigt: durch das Schwert, den Hunger und die Pest (Ez 14,21). Durch diese Züchtigungen wurde das, was aufhält, das katechon nach Paulus, schon in einem hohen Grade weggenommen. Es ist aber bis heute, so Newman, noch nicht ganz beseitigt. (61) Aber es wird eines Tages völlig zerstört werden. (63)

„Bis zu der Zeit, wann der Antichrist in Wirklichkeit erscheinen wird, ist gewesen und wird sein eine fortwährende Anstrengung von seiten der Mächte des Bösen, ihn der Welt zu offenbaren. Die Geschichte der Kirche ist die Geschichte dieser langen Geburt.“ (16)

Wenn dann die Herrschaft des Antichrist anbricht, wird die Kirche noch eine Verfolgung erwarten, „wilder und gefährlicher als irgendeine, die am Anfang ihres Bestehens stattfand“. (78) Es lässt aufhorchen, wenn Newman mit Berufung auf die Kirchenväter feststellt, dass diese Verfolgung begleitet sein soll vom Aufhören aller religiösen Verehrung. Es steht ihm vor Augen, „dass der Antichrist für dreieinhalb Jahre jeden Gottesdienst unterdrücken wird. Der heilige Augustinus stellt dazu die Frage, ob während dieser Zeit noch den kleinen Kindern die Taufe erteilt werde.“ (78f.)

Schließlich wird diese letzte Verfolgung der Kirche so charakterisiert: „Sie ist an sich wütender und schauerlicher; sie wird begleitet von einem Aufhören der Spendung der Sakramente, ‚des täglichen Opfers‘, und von einer öffentlichen und blasphemischen Errichtung des Unglaubens oder irgendeiner andern solchen Ungeheuerlichkeit in den heiligsten Winkeln der Kirche.“ (80)

3. Abschließende Deutung

Was die Hl. Schrift und die Tradition der Kirche über den Antichristen lehren, ist eine heilsame Warnung, sich vor allen Verführungen in Acht zu nehmen, die sich gegen den Glauben richten. Der Münchener Dogmatiker Michael Schmaus schrieb bereits im Jahre 1959: „Je mehr die ganze Welt zu einem einheitlichen Machtgebilde zusammengefasst und durchorganisiert wird, umso wahrscheinlicher ist es, dass der sie beherrschende Staatsmann die Funktion des Widerchrist vollbringt. Wenn auch die Konzentration der Macht nicht in sich böse ist, sondern auch im Guten verwendet werden kann, so bietet sie dennoch eine große Chance, Weltherrschaft im widerchristlichen Sinne auszuüben.“[9] Ähnlich äußert sich Josef Pieper: „Im gleichen Augenblick, in welchem Weltherrschaft im vollen Sinn möglich geworden ist, ist auch der Antichrist real möglich geworden.“[10] Lassen sich dafür im gegenwärtigen politmedialen Geschehen Anhaltspunkte finden?

Heute scheint die zunehmende Konzentration von Macht in den Händen einer kleinen wirtschaftlichen (Finanzoligarchen) und politischen Elite zu sein durch fortschreitende internationale Vernetzung und Aufhebung des Prinzips der Subsidiarität. Bahnt sich nicht eine neue Weltordnung an, die zur Entindividualisierung und Depersonalisierung führt?

Hat es nicht den Anschein, als wolle man die menschlichen Individuen wie atomisierte und leicht manipulierbare Subjekte, bar jeder kulturellen Eigenheiten und geschichtlicher Prägung? Das Herauslösen des Menschen aus all diesen Strukturen und Bindungen könnte die Gesellschaft in ihre Elemente zerlegen, die beliebig zu rekombinieren sind, ohne dass Verwerfungen, Ausgrenzungen, Vertreibungen und Krieg zu befürchten seien. Aber steht nicht am Ende das seiner Herkunft entfremdete atomisierte Individuum, der freizügige Weltbürger, der von den herrschenden Eliten beliebig manipulierbar ist?

Zur Lage der Religion in Europa gibt der britische Publizist Douglas Murray in “Strange Death of Europe” eine Antwort und beschreibt sehr eindringlich, wie die politische Elite Europas und ein großer Teil der Bevölkerung ihre Religion verloren haben und das Wesen der europäischen Zivilisation und der freien Gesellschaft dadurch gefährdet wird. Europa hat ein Experiment gestartet und behauptet, eine sich selbst erhaltende Struktur an Rechten und Institutionen geschaffen zu haben, die ohne Quelle existieren können.

In prophetischen Kategorien im Sinne der Väter und in der Linie von John Henry Newman gedeutet, wird man im Kartell der global vernetzten Akteure, die diese Agenda vorgeben, wohl einen Wegbereiter jener weltweiten und entgrenzten Konzentration an Macht in einer globalen Hyper-Struktur und damit einen Vorboten des Antichrist erkennen können. Das, was aufhält, scheint in unseren Tagen aufgerieben zu werden.

Prof. Dr. habil. Michael Stickelbroeck


[1] Vgl. Irenäus, Adversus haereses V, 25,4.
[2] Vgl. Franz Mußner, „Kennzeichen des nahen Endes nach dem Neuen Testament“, in: Walter Baier u. a. (Hrsg.), Weisheit Gottes – Weisheit der Welt II. Festschrift für Joseph Kardinal Ratzinger zum 60. Geburtstag, St. Ottilien 1987, 1295–1308, 1307.
[3] Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus, Zürich u. a., 1979, 195.
[4] Vgl. Joachim Gnilka, Theologie des Neuen Testaments, Freiburg i.Br. 1994, 395.
[5] John Henry Newman, Der Antichrist. Nach der Lehre der Väter (dt. von Theodor Haecker), München 1951. Diese Abhandlung wurde aus vier Adventspredigten, die Newman 1835 hielt und 1838 zuerst veröffentlicht wurde, komponiert.
[6] Vgl. https://chadashby.com/2017/10/25/babel-and-babylon-are-the-same-city: „In fact, Babel is a transliteration of the Hebrew word בָּבֶל (“Ba-bel”), while Babylon comes from the Greek Βαβυλῶνος (“Babylonos”). In all 233 occurrences of Babel in the Old Testament, it is translated Babylon in Greek. What is more, both the ancient Babel in Genesis 10-11 and the more recent Babylon of Daniel’s day are said to be located in the plains of Shinar (Gen. 10:10; 11:2; Daniel 1:2).“
[7] Augustinus De Civitate Dei XX, 9,3.
[8] Theodoret, Danielkommentar, Kap. XI.
[9] Michael Schmaus, Von den letzten Dingen (Katholische Dogmatik VI/2), München 1959, 187.
[10] Josef Pieper, Über das Ende der Zeit. Eine geschichtsphilosophische Betrachtung, München 31980, 122.